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Wolfgang Rihm

Eleonore Bünings Biografie über den Kompo­nisten Wolfgang Rihm ist eine Hommage an einen freien Geist und einen Meister der modernen Klassik. Im Februar erschien das 344 Seiten starke Buch, in dem unter anderem ein ausführ­liches Gespräch zwischen Büning und Rihm, die seit Jahrzehnten mitein­ander befreundet sind, für einen tieferen Zugang sorgt. Andreas H. Hölscher hat das Buch gelesen. 

Eleonore Büning - Foto © Uwe Frauendorf

Jenseits aller Linien

Am 13. März 2022 vollendet der in Karlsruhe geborene Komponist Wolfgang Rihm sein 70. Lebensjahr. Sein Werk zeichnet sich vor allem durch eines aus: künst­le­rische Freiheit. In seinem Œuvre lotet er die expressive Kraft der Musik aus und wider­setzt sich dabei jedem Versuch der Einordnung. Moderne klassische Musik? Neue Musik? Wolfgang Rihms Musik steht für sich selbst. Anlass genug, den Meister­kom­po­nisten der modernen Klassik mit vielen Sonder­sen­dungen, Porträts und musika­li­schen Analysen zu ehren.

Zwei Bücher erscheinen fast zeitgleich über ihn, besonders inter­essant ist zu lesen ist die Biografie Wolfgang Rihm – Über die Linie von der Musik­kri­ti­kerin und Autorin Eleonore Büning. Sie beschreibt in dieser Biografie zum ersten Mal das Leben und das Werk dieses in keine feste Kategorie passenden Musikers. Durch ihre umfas­sende Musik­kenntnis, aber auch ihre langjährige Freund­schaft zu Rihm gelingt ihr eine Darstellung des Kompo­nisten, die ebenso fundiert wie persönlich ist. Büning hat mit der Reihe Fragen Sie Eleonore Büning viele zeitlose Kolumnen in der Frank­furter Allge­meinen Sonntags­zeitung zum Thema Oper und Klassik publi­ziert. Ihr im Herbst 2020 erschie­nenes Buch Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur? hat schon Kultstatus. Büning schafft es, musik­wis­sen­schaftlich schwierige Themen pointiert und mit flapsigem Humor auf den Punkt zu bringen und damit auch Gruppen für diese Thematik zu begeistern, die sich norma­ler­weise für so viel Theorie gar nicht inter­es­sieren. Doch in diesem Buch geht es weitaus um mehr als nur pointiert darge­stelltes Musik­wissen. Diese Biografie ist eine Hommage an einen großen Künstler, an einen persön­lichen Freund, und es ist ein Kompendium des Rihmschen Schaffen, dessen aufge­listete Werke mehr Kompo­si­tionen enthält als Mozart, der aller­dings auch sehr jung starb.

Der Unter­titel dieser Biografie Über die Linie ist bewusst doppel­deutig gewählt. Zum einen ist es eine Kompo­sition für Violon­cello, am 5. April 1999 in der Kölner Philhar­monie durch Heinrich Schiff zur Urauf­führung gebracht. Das Werk ist elektri­sierend, aufreibend, spannungs­ge­laden und lässt sich überhaupt nicht einordnen, wie die meisten Werke Rihms. Es gibt aber das Klari­net­ten­konzert Über die Linie II, von dem Rihms Meister­schüler Jörg Widmann sagt, „dass es bis an die Grenze der Unmög­lich­keiten führt“. Über die Linie steht auch für eine Werkfa­milie von Konzert- und Kammer­mu­sik­stücken Rihms, die in den ersten Jahren dieses Jahrtau­sends entstanden sind. Rihm hat sich den Titel im Übrigen ausge­liehen bei einem umstrit­tenen Essay von Ernst Jünger, der sich mit Martin Heidegger über die Möglichkeit einer geschicht­lichen Überwindung des Nihilismus austauschte. Es könne sich aber, so Brüning, auch um musika­lische Grenz­über­schrei­tungen im Beetho­ven­schen Sinne handeln. Über die Linie meint daher auch die Grenzen der modernen Musik, die Rihm sprengte, überschritt oder neu ordnete.

Das Vorwort steckt bereits den Rahmen der Biografie ab und nennt die Beweg­gründe für Eleonore Büning, sich an diese Mammut­aufgabe zu wagen. Für Büning ist Rihm ein Sonderfall, „weil er innerhalb der relativ kleinen Welt der zeitge­nös­si­schen Musik, die sich seit jeher aufteilte in feind­liche Lager und einander ablösende Schulen, nie zu einer Seilschaft gehörte und auch keine begründet hat.“ Dieses Statement ordnet Rihm in keine feste Kategorie ein, er ist ein Einzel­gänger, wie es Schubert einer war. Ein weiterer Aspekt, warum Rihm ein Sonderfall sei, ist die Tatsache, „dass er Bach oder Beethoven für Zeitge­nossen hält.“ Das Besondere sei, dass seine Musik auch Menschen berühre, die keine Lust auf Avant­garde haben.

Ganz entscheidend aber ist Rihms eigene Auffassung zu seiner Musik: „Ich möchte eine Musik schreiben, die man nicht erklären kann mit herkömm­lichen Begriffen.“ Der einzige, der in der Lage ist, Rihms Musik zu erklären, ist Rihm selbst. Und das ist auch die Heraus­for­derung einer Biografie, der Person Rihms und seinem Gesamt­kunstwerk, das mehr als sechs­hundert Kompo­si­tionen umfasst, gerecht zu werden. Büning wurde schon Mitte der Zweitau­sen­der­jahre von Rihm gebeten, eine Biografie zu schreiben. Freimütig bekennt die Autorin, dass sie Rihm, bevor sie ihn persönlich kennen­ge­lernt hatte, einen „Epigonen“ genannt hatte, dessen Musik „nichts Eigenes habe, weder Farbe noch Ausdruck, nur von allem ein bisschen.“ Rihm bezeichnete sie dagegen als „plemplem“ und „ahnungslos“. Und doch war dieser dokumen­tierte Zoff der Beginn einer Künst­ler­freund­schaft, die nun dreiund­dreißig Jahre andauert und mit dieser Biografie, an der sie über zehn Jahre gearbeitet hat, ihre Krönung erlebt.

Das Buch versucht, neben den Lebens­sta­tionen Rihms die wichtigsten Werke im Kontext zu seiner Vita zu betrachten, zeigt die Einflüsse auf, denen er ausge­setzt war und die er selbst auf die nachfol­gende Kompo­nis­ten­ge­ne­ration genommen hat. Rihm wuchs in Karlsruhe auf. Angeregt durch frühe Begeg­nungen mit Malerei, Literatur und Musik begann er bereits im Alter von elf Jahren zu kompo­nieren. Bereits während seiner Schulzeit am humanis­ti­schen Bismarck-Gymnasium studierte er von 1968 bis 1972 Kompo­sition bei Eugen Werner Velte an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Er beschäf­tigte sich mit der Musik der Zweiten Wiener Schule, instru­men­tierte Arnold Schön­bergs Klavier­stücke op. 19 und orien­tierte sich vorüber­gehend am aphoris­tisch-knappen Stil Anton Weberns. Weitere Kompo­si­ti­ons­lehrer von Rihm waren Wolfgang Fortner und Humphrey Searle. Parallel zum Abitur legte er 1972 das Staats­examen in Kompo­sition und Musik­theorie an der Musik­hoch­schule ab. Es folgten Studien bei Karlheinz Stock­hausen von 1972 bis 1973 in Köln sowie von 1973 bis 1976 an der Hochschule für Musik Freiburg bei Klaus Huber im Fach Kompo­sition und Hans Heinrich Eggebrecht in der Musik­wis­sen­schaft. Erste eigene Erfahrung als Dozent sammelte Rihm 1973 bis 1978 in Karlsruhe, ab 1978 bei den Darmstädter Ferien­kursen und 1981 an der Musik­hoch­schule München. 1985 übernahm er als Nachfolger seines Lehrers Eugen Werner Velte den Lehrstuhl für Kompo­sition an der Musik­hoch­schule Karlsruhe. Nach der Aufführung seines Orches­ter­stücks Morphonie – Sektor IV bei den Donau­eschinger Musik­tagen 1974 fand Rihm endlich die breite Anerkennung der Musikwelt, da war er grade mal zweiund­zwanzig Jahre alt. Der Morphonie widmet sich Büning sehr ausführlich, wohl weil es die Initi­al­zündung für Rihms schier unend­liche Schaf­fens­kraft war und ihn schon damals zu einem Sonderfall werden ließ. Als Komponist und Musik­schrift­steller vertritt Rihm eine Ästhetik, die das subjektive Ausdrucks­be­dürfnis in den Mittel­punkt stellt. Vorbilder in diesem Sinn waren für ihn Hans Werner Henze, später Karlheinz Stock­hausen und noch später Luigi Nono.

Darüber hinaus vermit­telten ihm litera­rische Texte wichtige Impulse: die Lyrik Paul Celans, die Philo­sophie Friedrich Nietz­sches, die Theater-Schriften von Antonin Artaud und Heiner Müller. Rihm benutzt gern Metaphern aus der bildenden Kunst, er spricht von „Überma­lungen“ oder von Bildhauerei: „Ich habe die Vorstellung eines großen Musik­blocks, der in mir ist. Jede Kompo­sition ist zugleich ein Teil von ihm, als auch eine in ihn gemei­ßelte Physio­gnomie.“ Stilis­tisch lassen sich grob drei Perioden im Schaffen von Rihm unter­scheiden: Seine frühen Stücke knüpfen an eine Tradition an, die sich von den späten Instru­men­tal­werken Beethovens hin zu Schönberg, Berg und Webern spannt. Wegen ihrer dezidierten Subjek­ti­vität wurde Rihms Musik damals gelegentlich der sogenannten Neuen Einfachheit zugerechnet.

Zu Beginn der 1990-er Jahre entwi­ckelte sich Rihms Kompo­nieren „weg von der Emphase des Einzel­er­eig­nisses hin zu einem Konzept des Fließens, der Gestaltung größerer Zusam­men­hänge“. Ausdruck dafür ist das kantable Violin­konzert Gesungene Zeit, das 1992 von Anne-Sophie Mutter in Zürich urauf­ge­führt wurde. Neben zahlreichen Kompo­si­tionen für kleinere Beset­zungen und drei Symphonien schreibt Rihm auch Bühnen­werke. Von ihm wurde zunächst die Kammeroper Faust und Yorick bekannt. Ein großer Erfolg wurde die 1979 von der Hambur­gi­schen Staatsoper urauf­ge­führte Kammeroper Jakob Lenz. Zwischen 1983 und 1986 folgte Die Hamlet­ma­schine, ein Musik­thea­ter­stück in fünf Teilen mit einem Libretto nach dem gleich­na­migen Theater­stück und 1987 Oedipus nach Texten von Sophokles. 1992 brachte die Hamburger Staatsoper Die Eroberung von Mexico von ihm auf die Bühne. Proserpina, nach dem gleich­na­migen Stück von Johann Wolfgang von Goethe, 2009 im Schwet­zinger Schloss­theater urauf­ge­führt. Die über Friedrich Nietzsche fanta­sie­rende Oper Dionysos, 2010 in Salzburg, Berlin und Amsterdam zur Aufführung gebracht sowie ein Hornkonzert aus dem Jahr 2014 waren seine neueren großen Arbeiten. Rihm wurde mit einer Kompo­sition für die Auftakt­ver­an­staltung in der Hamburger Elbphil­har­monie im Großen Saal am 11. Januar 2017 beauftragt.

Büning wäre nicht Büning, würde sie sich ausschließlich auf das umfang­reiche Gesamt­kunstwerk Rihms fokus­sieren. Da gibt es auch viele private und zwischen­mensch­liche Anekdoten in diesem Buch, die Rihm nicht als rastlose Kompo­nier­ma­schine abstempeln, sondern als humor­vollen und boden­stän­digen Zeitge­nossen zeigen, der aufmerksam das Leben um sich herum verfolgt. Im siebten Kapitel verlässt Büning die Bühne der Biografie und führt mit Rihm ein Interview, das die Überschrift Gezielte Verdun­kelung trägt und 25 Fragen und Antworten zum Alltag des Kompo­nierens enthält. Und diese Fragen und Antworten, ebenfalls im Laufe von zehn Jahren aufge­zeichnet, haben es ebenfalls in sich, da ist nichts gefällig, da wird auf Augenhöhe analy­siert und gedeutet, mit einem hohen Erkennt­nis­gewinn nicht nur über das Verständnis modernen Kompo­nierens, sondern es sind auch tiefe Einblicke in den Menschen Wolfgang Rihm. Die vielleicht offenste und schonungs­lo­seste Antwort gibt Rihm auf die Frage nach den Augen­blicken der Verzweiflung und der Möglichkeit des Schei­terns: „Scheitern ist immer Gewissheit. Aus diesem Grund besteht keine Furcht davor. Außerdem: Wirkliches Scheitern bemerkt man sowieso nur selbst und kennt es von Anbeginn als die eigene Möglichkeit.“

Dass Büning auch eine Meisterin der Recherche ist, zeigen die aufge­lis­teten 243 Anmer­kungen im Anschluss an das Interview-Kapitel mit vielen Hinweisen darauf, das Gelesene weiter zu vertiefen oder zu verdauen. Am Schluss des Buches erfolgt eine umfang­reiche Disko­grafie der bisher einge­spielten Werke Rihms, was aber nur einen kleinen Ausschnitt seines umfang­reichen Gesamt­schaffens abbildet.

Die Biografie Rihms ist eine Hommage an einen freien Geist und einen Meister der modernen Klassik, die sein Gesamt­kunstwerk zu seinem 70. Geburtstag würdigt, aber vor allem neugierig macht auf diese Musik, die vielen Freunden der klassi­schen Musik bisher nicht erschlossen war oder die per se moderne, zeitge­nös­sische Musik ablehnen. Dass das nicht so bleiben muss, ist sicher auch ein Verdienst der Autorin, die den Menschen und Kompo­nisten Wolfgang Rihm in einer bisher noch nicht darge­stellten Weise porträ­tiert hat.

Andreas H. Hölscher

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