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Rot das Feuer

Anne Stern entführt die Leser in ihrem zweiten Band über die Gescheh­nisse rund um die Semperoper Dresden in das Jahr 1849 mitten in die Wirren der Mai-Revolution. Ein spannendes Buch über Politik, Kunst und Frauen­rechte. Andreas H. Hölscher hat es gelesen und ist erneut begeistert. 

Anne Stern - Foto © Max Zerrahn

Wirren der Revolution

Dresden im Jahre 1849: Elise lebt mittler­weile als gefeierte Violi­nistin und angesehene Ehefrau des Kompo­nisten Adam Jacobi in Dresden. Doch eine schick­sal­hafte Begegnung mit dem Kulis­sen­maler Christian droht, das fragile Gleich­ge­wicht ihres Lebens zu erschüttern. Mit dem aufstre­benden Künstler an der Semperoper verbindet sie eine große Sehnsucht, eine Leiden­schaft für die Kunst – und eine roman­tische Erinnerung. Elise spürt, dass ihre Liebe auch nach Jahren noch stärker ist als alle Konven­tionen. Doch bevor sie das Unmög­liche wagen kann, brechen blutige Aufstände in der Stadt aus. Unzufriedene Arbeiter und Dienst­mädchen, Künstler und Intel­lek­tuelle, Männer und Frauen ziehen für ihre Rechte in den Kampf. Auch das prächtige könig­liche Hoftheater im Herzen der Stadt wird zum Schau­platz der wider­strei­tenden Gegner. Denn selbst Kapell­meister Richard Wagner und Gottfried Semper rufen zum Wider­stand gegen die Obrigkeit auf. Dann bittet der König die preußische Armee um Hilfe. Es kommt zum Äußersten. Und Elise muss sich in den blutigen Wirren entscheiden, auf welcher Seite sie steht – und wie viel zu opfern sie bereit ist.

In diesen fragilen Zeiten zu Beginn der Mai-Revolution 1849 in Dresden spielt Anne Sterns neuer Roman Rot das Feuer rund um das König­liche Hoftheater Dresden, der heutigen Semperoper, und knüpft mit einem Zeitsprung von acht Jahren an den ersten Roman Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie der neuen Saga an. Anne Stern, Jahrgang 1982, wuchs in Berlin auf. Sie studierte in Potsdam Germa­nistik und Geschichte auf Lehramt und promo­vierte anschließend in deutscher Litera­tur­wis­sen­schaft. Nach dem Referen­dariat unter­richtete sie an verschie­denen Berliner Schulen. Heute ist sie freibe­ruf­liche Schrift­stel­lerin. In ihren Werken stehen Frauen im Mittel­punkt. Die Handlungen spielten bisher im histo­ri­schen Berlin mit einem Schwer­punkt auf den 1920-er und 1930-er Jahren. Stern begann ihre schrift­stel­le­rische Karriere zunächst neben­be­ruflich im Selbst­verlag, wo sie die Reihen Die Familie Pauly-Saga und Die Frauen vom Karls­platz als E‑Book veröf­fent­lichte. Dann wechselte sie zu einem Buchverlag. Die Reihe Fräulein Gold über eine Hebamme in den 1920-er Jahren erschien im Rowohlt-Verlag und erreichte die Bestseller-Listen. Die vorherige Reihe Die Frauen vom Karls­platz wurde daraufhin zusätzlich als rororo-Taschenbuch veröf­fent­licht. Anschließend schrieb sie eine fiktive Roman­bio­grafie über die Freund­schaft zwischen der Malerin Lotte Laser­stein und ihrem Modell Traute Rose. 2022 erschien mit Drei Tage im August im Aufbau-Verlag ein Roman über eine Choco­la­terie in der Straße Unter den Linden, der 1936 angesiedelt ist.

Im vergan­genen Jahr hat sie mit Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie den Ausflug in das histo­rische Dresden gestartet. Ein kurzer Rückblick in das Dresden anno 1841: Das feierlich eröffnete könig­liche Hoftheater wirkt in seiner Pracht wie ein Palast für die Musik. Doch hinter den Kulissen geht es nicht weniger drama­tisch zu als auf der Bühne: Die Prima­bal­lerina hütet ein tragi­sches Geheimnis, die Requi­si­teurin will ihrer Vergan­genheit entfliehen, und die Kostüm­schnei­derin hat den Glauben an wahre Leiden­schaft verloren. Dennoch ist das Opernhaus für sie alle ein magischer Ort. Auch die junge Elise Spielmann ist bei ihrem ersten Besuch verzaubert. Sie entstammt einer Musiker­dy­nastie und träumt davon, eine gefeierte Violi­nistin zu werden. Als sie dem talen­tierten Maler­ge­hilfen Christian Hilde­brand begegnet, entspinnt sich eine zarte Bindung zwischen ihnen – in größter Heimlichkeit und gegen alle Konven­tionen. Während­dessen ziehen sich im ganzen Land revolu­tionäre Kräfte zusammen. Doch vor dem sich verdun­kelnden Himmel strahlen die Liebe und die Musik umso heller.

Der zweite Band Rot das Feuer beginnt mit einem Prolog im Jahre 1813, während der Völker­schlacht zu Leipzig. Ein junges Mädchen namens Clementine überlebt in einem Dorf schwer­ver­letzt als einzige ein Massaker der franzö­si­schen Truppen an der Dorfbe­völ­kerung. Sie wird später im Jahre 1849 in Dresden eine Leitfigur des Kampfes für Frauen­rechte, der neben der Mai-Revolution ein zentrales Thema in dem Buch darstellt. Stern hat da gut recher­chiert; auch die Hinter­gründe der Revolution, an der auch Richard Wagner und Gottfried Semper aktiv beteiligt waren, bilden den politi­schen Rahmen für die einge­bettete Liebes­ge­schichte zwischen Elisa Jakobi, geborene Spielmann, und dem Maler Christian Hildebrandt.

Der histo­rische Hinter­grund der Revolution in Dresden beginnt im April 1849 mit dem Scheitern der Frank­furter Natio­nal­ver­sammlung. Sachsens König Friedrich August II. weigerte sich, die „Pauls­kirchen-Verfassung“ anzunehmen und löste die sächsi­schen Kammern auf. Daraufhin brachen in Dresden am 3. Mai 1849 blutige Straßen­kämpfe aus. Richard Wagner rief bereits im April in Röckels radikalen Volks­blättern mit einem Beitrag unter der Überschrift Die Revolution zur vollstän­digen Zerstörung der bestehenden Ordnung auf und nahm auch praktisch an den Aufständen teil. In Wagners Garten des Palais Marcolini versam­melten sich in den Tagen unmit­telbar vor dem Aufstand in Dresden mehrfach Gleich­ge­sinnte wie Röckel, Bakunin und Semper, und auch die Roman­figur Christian Hilde­brand nimmt an diesen konspi­ra­tiven Sitzungen teil. Sie berieten über eine mögliche Volks­be­waffnung und die Strategie der Erhebung. Wagner hatte Handgra­naten beschafft, lagerte sie in seinem Garten und war einer der unermüd­lichen Aktivisten. Am 3. Mai 1849 brachen die Unruhen aus, Barri­kaden wurden gebaut, der König und die Regierung flohen elbauf­wärts zur Feste König­stein. Für einige Tage herrschte die Revolution und mitten in ihr: Richard Wagner. Er bezog auf dem Turm der Dresdner Kreuz­kirche seinen Posten, direkt bei den Scharf­schützen, beobachtete die heran­zie­henden preußi­schen Truppen, gab seine Erkennt­nisse an die Leitung des Aufstandes im Rathaus weiter. In Flammen ging während der Aufstände unter anderem das Theater am Zwinger auf, in dem Wagner noch Anfang April das von ihm begründete Palmsonn­tags­konzert mit Beethovens 9. Sinfonie dirigiert hatte. Wagner wurde später zu Unrecht der Brand­stiftung verdächtigt. Bereits nach sechs Tagen war die Revolution verloren. Nach einem Bericht von August Röckel gab es 30 Tote und 100 Verwundete bei den Regie­rungs­truppen und auf Seiten des Volkes 196 Tote, und 115 Verwundete, darunter auch mehrere Frauen. Über 400 Betei­ligte wurden gefangen gesetzt, unter ihnen auch kurzzeitig die berühmte Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient, die noch 1849 aus Sachsen ausge­wiesen wurde. Am 19. Mai 1849 erschien ein – auf den 16. Mai datierter – Steck­brief, mit dem Wagner wegen „wesent­licher Teilnahme an der aufrüh­re­ri­schen Bewegung“ gesucht wurde. Doch der war zu diesem Zeitpunkt bereits Richtung Schweiz entkommen.

Die Haupt­figur des Romans, Elise Spielmann, ist seit acht Jahren mit dem Kompo­nisten Adam Jakobi verhei­ratet, eine unglück­liche Ehe, denn sie war von ihren Eltern standes­gemäß arran­giert. Jakobi akzep­tiert zwar das Violin­spiel seiner Frau, ansonsten besitzt sie aber keine Freiheiten. Ihr einziges Glück ist die Adoptiv­tochter Netty, deren leibliche Mutter, eine ehemalige Ballerina, sich im ersten Band das Leben genommen hatte. Und da ist die unerfüllte Liebe zu Christian, den sie seit ihrer Hochzeit mit Adam nicht mehr gesehen hat. Natürlich kommt es zu einem schick­sal­haften Wieder­sehen, aller­dings erst auf Seite 76 des Bandes. Von dem Moment an nimmt Elise ihr Schicksal in die eigene Hand, emanzi­piert sich immer mehr von ihrem Mann und geht eine verhäng­nis­volle Beziehung mit Christian ein, die jäh vorerst durch die Gescheh­nisse und Wirren der Dresdner Revolution beendet wird. Natürlich ist die Geschichte, die Stern wieder sehr poetisch und einfühlsam schildert, noch nicht auser­zählt, wie der Epilog erahnen lässt. Fünf Monate sind seit der Revolution vergangen, die Stadt Dresden erholt sich langsam von den Gescheh­nissen, und auch in Elises Leben ist mittler­weile einiges passiert, was hier natürlich nicht vorweg­ge­nommen werden soll. Das Ende ist jeden­falls wieder offen, so dass auch der zweite Band eine Fortsetzung fordert. Und die wird schon im August 2024 erscheinen. Samtschwarz die Nacht spielt dann in Dresden anno 1869 und wird die Trilogie um die histo­rische Semperoper abschließen. Und wer sich mit der Geschichte der Semperoper auskennt, der weiß natürlich, dass das ehemalige König­liche Hoftheater am 21. September 1869 in Flammen aufging und bis auf die Grund­mauern nieder­brannte. Das könnte dann ein feuriges Finale der Geschichte werden.

Im Nachwort befasst sich Stern mit der sozial­kri­ti­schen Schrift­stel­lerin und Mitbe­grün­derin der bürger­lichen deutschen Frauen­be­wegung Louise Otto-Peters, die im Buch ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Auch die Musik kommt nicht zu kurz, es werden Auffüh­rungen von Mozarts Zauber­flöte, Hochzeit des Figaro und Don Giovanni sowie Beethovens Fidelio beschrieben. Auch der zweite Band Rot das Feuer liest sich poetisch schön und macht neugierig auf den Abschluss der Geschichte.

Andreas H. Hölscher

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