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Dresden im Jahre 1869: Die gefeierte Violinistin Elise, mittlerweile nach dem Tod ihres ersten Mannes Adam Jacobi mit dem Dresdner Chirurgen Leopold Leitner verheiratet, hat die Liebe zur Musik an ihre Kinder weitergegeben. Tochter Netty probt an der Semperoper als Primaballerina für die Rolle ihres Lebens in La Sylphide von Jean-Madeleine Schneitzhoeffer. Sohn Julius ist ein begabter Pianist und verliebt sich in die jüdische Bankierstochter Rahel Cohn. Eine neue Generation wächst heran, die den Mut hat, nach der Freiheit zu greifen und neue Wege zu gehen. Doch dann kommt es zu einem verheerenden Feuer, bei dem das Königliche Theater in Schutt und Asche gelegt wird. Fassungslos stehen die Menschen vor den Trümmern. Auch für Elise ist der Anblick kaum zu ertragen, verbindet sie doch mit dem Hoftheater lang unterdrückte Gefühle für den ehemaligen Dekorationsmaler Christian Hildebrand. Bei den Maiaufständen vor zwanzig Jahren musste Christian aus der Stadt fliehen. In aller Heimlichkeit trägt Elise sein Andenken noch heute in ihrem Herzen – ebenso wie das große Geheimnis, das seit so vielen Jahren auf ihr lastet. Denn es hat die Kraft, alles zu zerstören, was sie sich seit Christians Flucht aufgebaut hat. Denn nicht der verstorbene Jacob Adam ist der leibliche Vater von Julius, sondern ihre große Liebe Christian, der bis dato aber nichts davon weiß.
Nur knapp sechs Monate nach dem zweiten Band Rot das Feuer veröffentlicht Anne Stern nun ihren dritten Band Samtschwarz die Nacht mit einem furiosen Finale der Trilogie um die Semperoper Dresden. Im vergangenen Jahr hat sie mit Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie den Ausflug in das historische Dresden gestartet. Ein kurzer Rückblick in das Dresden anno 1841: Das feierlich eröffnete königliche Hoftheater wirkt in seiner Pracht wie ein Palast für die Musik. Doch hinter den Kulissen geht es nicht weniger dramatisch zu als auf der Bühne: Die Primaballerina hütet ein tragisches Geheimnis, die Requisiteurin will ihrer Vergangenheit entfliehen, und die Kostümschneiderin hat den Glauben an wahre Leidenschaft verloren. Dennoch ist das Opernhaus für sie alle ein magischer Ort. Auch die junge Elise Spielmann ist bei ihrem ersten Besuch verzaubert. Sie entstammt einer Musikerdynastie und träumt davon, eine gefeierte Violinistin zu werden. Als sie dem talentierten Malergehilfen Christian Hildebrand begegnet, entspinnt sich eine zarte Bindung zwischen ihnen – in größter Heimlichkeit und gegen alle Konventionen. Währenddessen ziehen sich im ganzen Land revolutionäre Kräfte zusammen. Doch vor dem sich verdunkelnden Himmel strahlen die Liebe und die Musik umso heller.
Der zweite Band Rot das Feuer spielt in den fragilen Zeiten zu Beginn der Mai-Revolution 1849 in Dresden. Elise lebt mittlerweile als gefeierte Violinistin und angesehene Ehefrau des Komponisten Adam Jacobi in Dresden. Doch eine schicksalhafte Begegnung mit dem Kulissenmaler Christian droht, das fragile Gleichgewicht ihres Lebens zu erschüttern. Mit dem aufstrebenden Künstler an der Semperoper verbindet sie eine große Sehnsucht, eine Leidenschaft für die Kunst – und eine romantische Erinnerung. Elise spürt, dass ihre Liebe auch nach Jahren noch stärker ist als alle Konventionen. Doch bevor sie das Unmögliche wagen kann, brechen blutige Aufstände in der Stadt aus. Unzufriedene Arbeiter und Dienstmädchen, Künstler und Intellektuelle, Männer und Frauen ziehen für ihre Rechte in den Kampf. Auch das prächtige königliche Hoftheater im Herzen der Stadt wird zum Schauplatz der widerstreitenden Gegner. Denn selbst Kapellmeister Richard Wagner und Gottfried Semper rufen zum Widerstand gegen die Obrigkeit auf. Dann bittet der König die preußische Armee um Hilfe. Es kommt zum Äußersten. Und Elise muss sich in den blutigen Wirren entscheiden, auf welcher Seite sie steht – und wie viel zu opfern sie bereit ist.
Nun sind zwanzig Jahre vergangen, und Elise hat sich nach dem Tode von Adam Jacobi mit ihrem zweiten Mann, dem Dresdner Chirurgen Leopold Leitner, eine angesehene bürgerliche Existenz aufgebaut. Ihre beiden Kinder, die Adoptivtochter Netty, die als Primaballerina an der Semperoper reüssiert, und ihr Sohn Julius aus der heimlichen Affäre mit dem ehemaligen Dekorationsmaler Christian Hildebrand, sind zu jungen Erwachsenen gereift und haben die Liebe zur Musik von der Mutter geerbt. Insbesondere Julius ist ein begabter Pianist, der sich dann unsterblich in die junge jüdische Bankierstochter Rahel Cohn verliebt. Eine Verbindung, die zu der damaligen Zeit keine Chance hatte. Aber Anne Stern, die den damals in Sachsen stark vorherrschenden Antisemitismus sehr deutlich beschreibt, sieht auch hier eine Perspektive für das junge Paar, gegen alle Konventionen.
Im Vordergrund des Buches steht jedoch die Zerstörung der Dresdner Semperoper durch ein verheerendes Feuer am 21. September 1869, dessen Auslöser ein Räucherstäbchen ist. Es sollten Gasleitungen ausgetauscht werden im Dresdner Hoftheater. Den Gestank will ein Arbeiter mit dem brennenden Duftstoff übertönen. Das Gebäude fängt sofort Feuer und brennt. Gottseidank stirbt niemand. Der Türmer der Dresdner Kreuzkirche ist der erste, der Alarm schlägt – kurz vor Mittag bemerkt er die Rauchsäule, die aus dem Dach der Dresdner Oper aufsteigt. Das Feuer greift schnell um sich, die Mitglieder des Balletts können sich noch mit Hilfe von Seilen aus dem ersten Stock in Sicherheit bringen, berichten die Dresdner Nachrichten: „In rapider Schnelligkeit verbreitete sich die Flamme, immer größere Dimensionen annehmend, so dass die herbeigeeilten Spritzen und Rettungs- und Löschmannschaften ohnmächtig an der Brandstätte standen.“
Funken, brennende Holzstücke und versengte Notenblätter wehen bis zum etwa einen Kilometer entfernten Pirnaischen Platz – dort färben sie, von den Passanten zertreten, das Trottoir schwarz. Der Bau von Gottfried Semper gilt vielen als der schönste Theaterbau Europas. Innerhalb weniger Stunden brennt das Hoftheater völlig aus, es gibt Verletzte, aber keine Toten. Eine Fotografie, am nächsten Tag aufgenommen, zeigt die leere Steinhülle des einst prächtigen Gebäudes, davor einige Schaulustige im Sonntagsstaat. Schuld an dem alles verzehrenden Brand ist die für die damalige Zeit ziemlich moderne Technik des Theaters. Sowohl die Bühne als auch der Zuschauerraum werden mit Steinkohle-Gas beleuchtet. Prunkstück der Lichtanlage ist der zwei Tonnen schwere Kronleuchter, der unter der Decke des Zuschauerraums hängt. An dem machen sich an diesem Septembervormittag zwei Arbeiter zu schaffen – sie sollen Gasleitungen an dem Kronleuchter austauschen. Die Schläuche dafür müssen sie selbst herstellen, aus Leinenbahnen und Harz, das mit Benzin bestrichen wird. Wegen des fürchterlichen Gestanks, den dieses Gemisch verströmt, zündet einer der Arbeiter ein Räucherstäbchen an. Das ausgetrocknete Holz des Dachbodens fängt sofort Feuer und brennt wie Zunder. Nur zwei Jahre nach dem Brand beginnen die Arbeiten am Nachfolgerbau. Auch die Pläne zu diesem Opernhaus stammen aus der Feder von Gottfried Semper. Weil der aber – wie auch Richard Wagner – zwanzig Jahre zuvor an den Dresdner Maiaufständen teilgenommen hat, darf er Sachsen nicht betreten. Die Bauarbeiten leitet deswegen sein Sohn Manfred. Auch dieser Bau fällt einem Feuer zum Opfer – während des Luftangriffs auf Dresden im Februar 1945 wird die Oper ein weiteres Mal zerstört.
Anne Stern hat in ihrem Buch den Brand die Zerstörung der Semperoper sehr detailgenau beschrieben. Doch während in ihrem Roman Gottfried Semper, gemeinsam mit Christian Hildebrand, aus ihrem Schweizer Exil nach Dresden zurückkehren, um den Wiederaufbau des Hoftheaters zu leiten, konnte der historische Semper wegen seiner Beteiligung an der Mai-Revolution 1849 nicht nach Dresden zurückkommen. Doch die schriftstellerische Freiheit passt gut in die Dramaturgie der Geschichte mit einem am Ende offenen Ausgang. Anne Stern, Jahrgang 1982, wuchs in Berlin auf. Sie studierte in Potsdam Germanistik und Geschichte auf Lehramt und promovierte anschließend in deutscher Literaturwissenschaft. Nach dem Referendariat unterrichtete sie an verschiedenen Berliner Schulen. Heute ist sie freiberufliche Schriftstellerin. In ihren Werken stehen Frauen im Mittelpunkt. Stern begann ihre schriftstellerische Karriere zunächst nebenberuflich im Selbstverlag, wo sie die Reihen Die Familie-Pauly-Saga und Die Frauen vom Karlsplatz zunächst als E‑Book veröffentlichte. Dann wechselte sie zu einem Buchverlag. Die Reihe Fräulein Gold über eine Hebamme in den 1920-er Jahren erschien im Rowohlt Verlag und erreichte die Bestseller-Listen. Die vorherige Reihe Die Frauen vom Karlsplatz wurde daraufhin zusätzlich als rororo-Taschenbuch veröffentlicht. Anschließend schrieb sie eine fiktive Romanbiografie über die Freundschaft zwischen der Malerin Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose. 2022 erschien mit Drei Tage im August im Aufbau-Verlag ein Roman über eine Chocolaterie in der Straße Unter den Linden, der 1936 angesiedelt ist.
Im Nachwort befasst sich Anne Stern mit der Chronik der Semperoper, von der Eröffnung 1841, der mehrfachen Zerstörung und Wiederaufbau bis hin zur letzten Wiedereröffnung am 13. Februar 1985 mit dem Freischütz und der legendären Inszenierung des Fidelio von Christine Mielitz inmitten der friedlichen Revolution 1989. Auch die Musik kommt nicht zu kurz, es werden eine Aufführung von Wagners Meistersinger von Nürnberg und diverse Konzerte für Klavier und Violine beschrieben. Auch der letzte Band Samtschwarz die Nacht liest sich poetisch schön und ist ein versöhnlicher Abschluss der Trilogie mit einem durchaus offenen Ende, der der Fantasie des Lesers jeden Spielraum einräumt.
Andreas H. Hölscher