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Schattenzeit

Oliver Hilmes‘ Buch über ein Kapitel dunkelster deutscher Geschichte vor acht Jahrzehnten. Im Mittel­punkt das tragische Schicksal des jungen hochbe­gabten Pianisten Karlrobert Kreiten, der wegen unbedachter Aussagen über das NS-Regime hinge­richtet wird. Andreas H. Hölscher findet das Buch bewegend. 

https://www.penguinrandomhouse.de/Verlag/Siedler/17000.rhd

Tragisches Schicksal

Oliver Hilmes, 1971 geboren, ist bekannt für seine Biografien, die er in einem schon fast roman­haften Stil schreibt und somit aus den rein histo­ri­schen Fakten packende Geschichten formu­liert. Hilmes studierte Geschichte, Politik und Psycho­logie und wurde mit einer Studie über den Zusam­menhang von Antise­mi­tismus und Kritik an der Moderne promo­viert. Seit 2002 arbeitet er für die Stiftung Berliner Philharmoniker.

Sein bekann­testes Buch ist sicher die Biografie Herrin des Hügels über Cosima Wagner, 2007 erschienen. Aber auch über Franz Liszt, König Ludwig II. von Bayern und Alma Mahler-Werfel, Witwe von Gustav Mahler, hat Hilmes erfolg­reiche Biografien verfasst. Nun nimmt er sich eines ganz spezi­ellen Themas an, Deutschland vor 80 Jahren. Das drama­tische Jahr 1943 wird von Hilmes mosaik­stein­artig beleuchtet, unter den verschie­densten Aspekten. Neben der menschen­ver­ach­tenden Diktatur des NS-Regimes und den wenigen verblei­benden kultu­rellen Momenten sind es Menschen und ihre Schicksale, die bis heute bewegen, teilweise aber auch in Verges­senheit geraten. Im Mittel­punkt dieser Schat­tenzeit steht das tragische Schicksal des jungen hochbe­gabten Pianisten Karlrobert Kreiten, der wegen unbedachter Aussagen über das NS-Regime denun­ziert, verhaftet und hinge­richtet wird. Aber man begegnet in diesem Buch auch anderen Persön­lich­keiten wie dem Litera­tur­wis­sen­schaftler Victor Klemperer und dessen Tagebü­chern, den Geschwistern Scholl aus München, die Mitgründer der Wider­stands­be­wegung Weiße Rose, die vor genau achtzig Jahren hinge­richtet wurden, und dem später so erfolg­reichen Showmaster von Dalli Dalli, Hans Rosenthal.

Wer war dieser Karlrobert Kreiten, der am 26. Juni 1916 in Bonn geboren wurde, der Geburts­stadt seines großen Vorbildes Ludwig van Beethoven. Er wuchs in einer sehr musika­li­schen Familie auf. Seine Mutter war die Mezzo-Sopra­nistin Emmy Kreiten, und der Vater der nieder­län­dische Komponist und Konzert­pianist Theo Kreiten. Karlrobert besaß aufgrund der Natio­na­lität seines Vaters die nieder­län­dische Staats­bür­ger­schaft, fühlte sich aber als Deutscher. Ein Jahr nach Karlro­berts Geburt zog die Familie 1917 von Bonn nach Düsseldorf, wo die Eltern oft zu Hauskon­zerten und Lieder­abenden einluden. Diese Veran­stal­tungen galten als ein Mittel­punkt der musika­li­schen Gesell­schaft Düssel­dorfs und prägten Karlro­berts Kindheit. Seine aus dem Elsass stammende Großmutter Sophie, die „Grand-Maman“ überwachte früh Karlro­berts Klavier- und Geigen­un­ter­richt und brachte ihm die franzö­sische Sprache bei. Der hochbe­gabte Junge hatte schon mit zehn Jahren Aufsehen erregt, als er mit einem Mozar­t/­Schubert-Programm in der Tonhalle Düsseldorf sein Debüt gab. 1929, im Alter von dreizehn Jahren, begann er sein Studium  zunächst bei Peter Dahm an der Hochschule für Musik Köln. 1933 gewann der Sechzehn­jährige in Wien beim II. Inter­na­tio­nalen Musik­wett­bewerb erst eine Silberne Ehren­pla­kette, im Herbst desselben Jahres dann sogar den Großen Mendelssohn-Preis in Berlin, der unter Schülern deutscher Hochschulen ausge­tragen wurde. Bei Hedwig Rosenthal-Kanner, der Ehefrau von Moriz Rosenthal, setzte Kreiten sein Studium von 1935 bis 1937 in Wien fort. Entgegen ihrem Rat, ihr in die USA zu folgen, wollte Karlrobert seine Karriere in Europa erstmal ausbauen. Ende 1937 siedelte Kreiten nach Berlin über, gab ein glänzend kriti­siertes Konzert im Beethoven-Saal und wurde für zwei Jahre Meister­schüler von Claudio Arrau. Dieser, selbst ein ehema­liges Wunderkind und in Deutschland ausge­bildet, urteilte noch 1983: „Kreiten war eines der größten Klavier­ta­lente, die mir persönlich begegnet sind. Wäre er nicht durch das Nazi-Regime kurz vor Kriegsende hinge­richtet worden, so hätte er, ohne Zweifel, seinen Platz als einer der größten deutschen Pianisten einge­nommen. Er bildete die verlorene Generation, die fähig gewesen wäre, in der Reihe nach Kempff und Gieseking zu folgen.“

Kreitens Karriere verlief bis 1943 höchst erfolg­reich, vor allem mit Werken von Beethoven und Kompo­nisten der Romantik, aber auch von zeitge­nös­si­schen Musikern wie Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew. Sogar Dirigent Wilhelm Furtwängler wurde auf ihn aufmerksam, und auf dessen Rat zog Kreiten nach Berlin, zusammen mit seiner Schwester. Die Großmutter folgte und war Kreitens „Finanz­mi­nister“, wie sein Vater Theo später in seinem Buch Tod eines Pianisten über seinen Sohn berichtete. So wohnte er zuletzt im Berliner Stadt­bezirk Schöneberg in der Hohen­stau­fen­straße 36. Da diese Wohnung jedoch zu klein war, wollte er sie im März 1943 gegen eine größere in der Motzstraße 10 tauschen. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Denn zu dieser Zeit stellte ihm Frau Ellen Ott-Monecke, eine Freundin seiner Mutter, den Musik- und Übungsraum ihrer Wohnung am Lützowufer zur Verfügung. Als Kreiten sich dort im privaten Kreis abfällig über den Natio­nal­so­zia­lismus äußerte, den „Führer“ als geistes­krank titulierte und den Krieg als verloren bezeichnete, denun­zierte Ott-Monecke ihn bei ihrer Nachbarin Annemarie Windm­öller, die als Schulungs­lei­terin der NS-Frauen­schaft tätig war. Die wiederum wandte sich an die ehemalige Sopra­nistin Tiny Debüser, die jetzt unter dem Namen Christine von Passavant als „wissen­schaft­liche Hilfs­ar­bei­terin“ im Propa­gan­da­mi­nis­terium arbeitete. Alle drei Frauen waren überzeugte Natio­nal­so­zia­lis­tinnen, und so wurde Kreiten durch die drei Frauen gemeinsam verraten, seine unbedacht gewählten Worte zur Anzeige gebracht. Am 3. Mai 1943 wurde er daraufhin in Heidelberg, wo er ein Konzert geben wollte, von der Gestapo verhaftet. Nach vier Monaten Haft kam es zum Prozess vor dem Volks­ge­richtshof. Oberreichs­anwalt Ernst Lautz hatte die Ankla­ge­schrift verfasst und der Vorsit­zende Richter Roland Freisler, der auch schon die Geschwister Scholl wenige Wochen zuvor zum Tode verur­teilt hatte, verur­teilte Kreiten wegen vermeint­licher Feind­be­güns­tigung und Wehrkraft­zer­setzung am 3. September 1943 zum Tode. Weder die Angehö­rigen noch die Rechts­an­wälte wussten von diesem Gerichts­termin; erst nach einem anonymen Anruf bei der Schwester wurden die Eltern in Düsseldorf infor­miert. Mehrere Gnaden­ge­suche an Hitler wurden unver­züglich versucht, schei­terten aber daran, dass sie weder in Düsseldorf noch direkt in Berlin bis hin zum Justiz­mi­nis­terium entge­gen­ge­nommen oder verzögert wurden, da eine Annahme juris­tisch begründet aufschie­bende Wirkung gehabt hätte.

Kreitens Unglück war es, daß sein Prozess, die Verur­teilung, die Überstellung nach Plötzensee in eine Zeit fielen, in der die übliche Hektik im Justiz­mi­nis­terium in Hysterie ausartete. Minister Thierack hatte Angst, denn im August 1943 hatte Hitler sein Missfallen darüber geäußert, daß im Reich mehr als 900 Todes­ur­teile nicht vollstreckt seien, und das bei zuneh­mender Luftkriegs­gefahr. Tatsächlich wurde in der Nacht zum 4. September die Straf­an­stalt Plötzensee von Flieger­bomben getroffen. Im Minis­terium fürchtete man um die „Sicherheit“ der rund 300 zum Tode verur­teilten Gefan­genen, die dort einsaßen. Man sah daher nur einen Ausweg: die beschleu­nigte Hinrichtung. Auf die herkömm­liche Art war sie nicht möglich, da das Fallbeil aus der Bettung gerissen war und die Reparatur mindestens eine Woche dauern würde. So viel Zeit hatte man nicht. Es wurde zunächst überlegt, die Gefan­genen auf Schieß­ständen der Wehrmacht zu erschießen, doch es kam anders. Bausach­ver­ständige hatten die Stabi­lität der Wände im Hinrich­tungsraum festge­stellt. Sie waren jeden­falls fest genug, um die Hänge­vor­richtung zu halten. Karlrobert Kreiten wurde am 7. September 1943 zu Beginn der „Plötzenseer Blutnächte“ mit 186 anderen Menschen in Gruppen zu je acht Mann in Plötzensee am Fleischer­haken erhängt. So sollte nach dem Willen Goebbels ein Exempel unter jungen Künstlern statuiert werden.

So endete das Leben eines begna­deten jungen Künstlers als tragi­sches Schicksal mit nur 27 Jahren. Oliver Hilmes hat für diese Geschichte viel recher­chiert und auch neue Erkennt­nisse gewonnen, was die umfang­reichen Anmer­kungen zu den einzelnen Kapiteln und das Quellen­ver­zeichnis bezeugen. Zwar steht die Geschichte von Karlrobert Kreiten im Mittel­punkt dieses Buches über Deutschland im Jahr 1943, doch ist sie nur ein Mosaik­stück im düsteren Bild dieses Jahres, als bei Stalingrad eine ganze Armee vernichtet wird und Goebbels den „totalen Krieg“ ausruft. Kinder werden zur Sicherheit aufs Land gebracht, während alliierte Bomben­an­griffe Hamburg und Berlin in Schutt und Asche legen. Es ist aber auch das Jahr, in dem Millionen Deutsche in die noch vorhan­denen Kinos strömen, um Hans Albers als Baron von Münch­hausen zu erleben. Während die Städte schon in Trümmern liegen, wird noch immer getanzt, verbo­te­ner­weise auch zu heißen Jazz- und Swing-Melodien. All das beschreibt Hilmes sehr plastisch, wobei er immer wieder hin- und herspringt, von den Tagebuch­ein­tra­gungen Goebbels zu den Aufzeich­nungen von Victor Klemperer, vom kleinen Verschlag, wo sich der 18-jährige Hans Rosenthal vor dem Zugriff der Gestapo versteckt, über Verhaftung, Schein­prozess und Ermordung der Geschwister Scholl und ihrer Verbün­deten der Weißen Rose. Das ist alles so spannend geschrieben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, wenn man einmal damit begonnen hat, so bewegend und gleich­zeitig auch erschüt­ternd beschreibt Hilmes diese vielen kleinen und großen Schicksale in der Schat­tenzeit. Es ist auch ein Buch gegen das Vergessen, denn es gibt nur noch wenige lebende Zeitzeugen, die von diesen Verbrechen gegen die Mensch­lichkeit berichten können.

Ein besonders pikantes Kapitel deutscher Nachkriegszeit beendet das Werk. Der bekannte Journalist Werner Höfer, Träger des Bundes­ver­dienst­kreuzes, der von 1952 bis 1987 den Inter­na­tio­nalen Frühschoppen im Deutschen Fernsehen moderierte, hatte am 20. September 1943, also gut zwei Wochen nach der Hinrichtung Kreitens, im Berliner 12-Uhr-Blatt folgendes Statement abgegeben:

„Wie unnach­sichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuver­sicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrver­ges­senen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrau­chelten Volks­ge­nossen. Das Volk fordert vielmehr, daß gerade der Künstler mit seiner verfei­nerten Sensi­bi­lität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut, wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet!“ Obwohl dieses Statement Höfers nach dem Krieg hinlänglich bekannt war, hatte es zunächst niemanden inter­es­siert, und Höfer konnte Karriere im Nachkriegs­deutschland machen. Erst ein gut recher­chierter Artikel im Spiegel von 1987 brachte Höfer zu Fall. Er trat zurück, um einem Rauswurf durch den Inten­danten des WDR zuvor­zu­kommen. Es ist der letzte Mosaik­stein in einem bizarren Bild des Jahres 1943 in Deutschland, das Oliver Hilmes da gemalt hat.

Es gibt noch einige wenige erhaltene Aufnahmen von Karlrobert Kreiten, die seine Ausnah­me­stellung als hochbe­gabter Pianist dokumen­tieren. Hilmes hat diesem Künstler wieder eine Stimme gegeben.

Andreas H. Hölscher

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