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Henri ist tot!“ lautet der erste Satz der Geschichte. Jens Prüss kommt in seinem Krimi-Debüt rasch zur Sache. Der Autor ist in Rottweil am Neckar geboren, wuchs in Düsseldorf und Mettmann auf. Das Studium der Germanistik und Philosophie absolvierte er in Düsseldorf. Nach einer privaten Schauspielausbildung macht er sich als freier Autor und Journalist selbstständig. Sechs Jahre lang leitete er das Literaturbüro NRW. Er veröffentlichte Theaterstücke, Prosa, Essays, Kultur‑, Theater- und Kulturkritiken. Als Kabarettist und Moderator ist er ein fester Bestandteil der Düsseldorfer Kulturszene. Zuletzt trat er als Mitherausgeber von Die Bretter, die die Stadt bedeuten – 50 Jahre freie darstellende Künste in Düsseldorf in Erscheinung. Nun also legt er seinen Kriminalroman Der tödliche Kandinsky vor, der im Oktober im Droste-Verlag erschienen ist. Ob man wirklich von einem Roman oder doch eher einer Kurzgeschichte sprechen möchte, liegt wohl eher im Auge des Betrachters, denn etliche der rund 170 Seiten nehmen die Fotografien seiner Frau Edeltraut in Beschlag. Die farbenfrohen Fotos, großenteils künstlerisch bearbeitet, illustrieren nicht nur die erzählte Geschichte, sondern bieten zugleich wunderbare Stadtansichten, die auch Nicht-Düsseldorfer begeistern dürften.
Henri ist ein gescheiterter Künstler, der sein Geld mit Aushilfsarbeiten bei einer Galerie verdient. Gefunden wird er kopfüber in einem Gully in der Düsseldorfer Altstadt. Tot. Wie das geht, wird im Laufe der Geschichte immer schwerer vorstellbar. Man weiß nicht genau, was Prüss unter einem Gully versteht, aber das Bild eines ausgewachsenen Mannbildes, das zur Hälfte in diesem kleinen Loch am Straßenrand so weit verschwindet, dass es sich nicht mehr daraus befreien kann, bereitet selbst bei der Auflösung der Vorgänge noch Fragezeichen. Egal, der Mann ist tot, die Polizei kommt selbstverständlich nicht darauf, dass es sich um einen unnatürlichen Tod handeln könne. Sven Berger, Journalist bei einer kleinen Tageszeitung, mit der es wirtschaftlich bergab geht, war mit Henri befreundet, ist zumindest mit ihm häufiger mal durch die Kneipen gezogen und beginnt nun, Fragen zu stellen.
Er muss nicht allzu lange fragen, denn Prüss hält sich nicht lange mit psychologischen Problemen oder falschen Fährten auf. Ihm geht es mehr um die Welt des Kunsthandels, in die er schnellstmöglich eintaucht, um den Leser über die Häufigkeit von Fälschungen zu informieren. Die Zahl von Falsifikaten, vor allem in Museen und weltberühmter Bilder, beeindruckt.
Während Prüss in Klischees über Düsseldorf badet, braucht der Anhänger des Genres auf nichts zu verzichten, was einen Kriminalroman auszeichnet. Der Galerist, der in falschen Kreisen körperlichen Verletzungen zum Opfer fällt, die Beinah-Beziehung mit der femme fatale aus höheren Kreisen, die ihn in mehrfacher Hinsicht verführen will, die – zugegebenermaßen ungewöhnliche – Verfolgungsjagd, die Begegnung mit dem unangenehmen Polizisten, der den fast tugendhaften Journalisten in Bedrängnis bringt, die überraschende Wendung zur Lösung des Falls: Der Leser muss auf nichts verzichten. Außer vielleicht auf ein bisschen Tiefgang.
Warum entsteht während der Lektüre die Assoziation zu den Jerry-Cotton-Romanen, mit denen Bastei Lübbe aus Bergisch Gladbach früher so erfolgreich war? Vielleicht liegt es daran, dass man die Heftchen damals in einer Nacht, und sei es zur Not unter der Bettdecke mit Taschenlampe, unbedingt zu Ende lesen musste. Diese Gefahr besteht bei Prüss eindeutig auch.
Michael S. Zerban