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Es fängt vergleichsweise harmlos an. Da gibt es diesen Dr. Bernhard Sommerfeldt, der sechs Menschen umgebracht hat. Na gut, in einem Buch ist das vergleichsweise leicht hinnehmbar. Wenn es nicht um Sommerfeldt ginge. Der zieht den Leser schon auf den ersten Seiten in den Bann seiner Persönlichkeitsstörungen. Der Arzt aus Ostfriesland ist so krank, dass es an Normalität grenzt.
Klaus-Peter Wolf ist das, was man einen Erfolgsautor nennt. Er hat Drehbücher für den Tatort und Polizeiruf 110 geschrieben. Aber was man in seinem, im Juni dieses Jahres erschienenen Buch liest, hat mit der sonntäglichen Alltagskost wenig zu tun. Wolf versetzt sich in seinem rund 380 Seiten umfassenden Roman Totentanz am Strand in die Seele des Täters. Und zwar so vehement, dass man sich dem nicht entziehen kann.
Das ist politisch unkorrekt, schließlich geht es um die Opfer, aber gerade das macht die Faszination des Romans aus. Ist ja klar, dass wir alle mehr Mitgefühl für das Opfer empfinden und dass es gemein ist, dass sich alle Welt mehr um den Täter als um das Opfer kümmert. Hier aber geht es nahezu ausschließlich um den Täter. Um seine Sichtweise. Mit jeder Zeile schwindet der Atem. Und während die Familie sich am Strand tollt, wird man keinen Moment mehr auslassen, die pathologische Entwicklung des Serienmörders zu verfolgen. Nach dem Abendessen, wenn die Familie sich müde vor dem Fernseher versammelt, zieht man sich lieber zurück, um das Schicksal des Täters Sommerfeldt zu verfolgen.
Rasante Ortswechsel zwischen Norden, Gelsenkirchen und Bamberg, schreckliche Entwicklungen, die so unvorhersehbar wie atemberaubend sind, bringen den Täter schließlich zu seinem Lebensglück. Scheinbar. Natürlich. Selten findet man eine Geschichte, die alles hat, was eine Braut tragen muss, um glücklich in die Ehe zu finden. Da gibt es Neues, Gebrauchtes und Geliehenes. Neu ist die Sichtweise, gebraucht sind die Klischees des Schizophrenen, geliehen sind die zahlreichen lyrischen Zitate. Keine Sekunde möchte man auslassen zwischen Gelsenkirchen im Ruhrgebiet und Norden in Ostfriesland. Immer wieder überraschend die Wendungen, immer enger schließt sich die Spirale.
Angenehm ist dabei die Sprache, die sich vom Umgangssprachlichen abhebt, in kurzen Sätzen ergeht und die Handlung scheinbar nebensächlich vorantreibt. Ein großartiges Buch, das einen keinen Moment auslässt. Wer ganz große Oper ohne Musik erleben will, setze sich an den Strand und beginne die Lektüre. Selten hat ein Buch so gefesselt wie der Totentanz am Strand. Und es gibt kein Ende. Der dritte Teil zu Sommerfeldt, so viel sei schon verraten, wird erscheinen. Vielleicht. Unbedingt. Man weiß es nicht. Denn die nächsten Pläne von Sommerfeldt werden genauso wenig von Glück beseelt sein wie die bisherigen.
Ein großartiges, spannendes, atemloses Buch, dass den Sommer dieses Jahres bereichert. Unbedingt kaufen, sich an den Strand zurückziehen und genießen.
Michael S. Zerban