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Hätten die Konzentrationslager der Nationalsozialisten nur zur Ermordung von Menschen gedient, wäre es allemal schlimm genug gewesen. Tatsächlich wurden dort Ärzte eingesetzt, die mit ihren abstrusen Versuchen im Namen der Wissenschaft weitaus Schlimmeres anrichteten. Einer dieser Ärzte war Josef Mengele, der absolut alberne Menschenexperimente durchführte, auf die er auch noch stolz war. Schon für die Dämlichkeit dieser Versuche würde heute – hoffentlich – jeder Arzt augenblicklich seine Approbation verlieren. Bis heute hält sich das fatale Gerücht, die abartigen Machenschaften hätten irgendetwas für die Forschung in der Medizin bewirkt. Das ist – medizinisch betrachtet – kompletter Unsinn.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Mengele abtauchen, wollte er nicht wegen der Gräueltaten, die er in Auschwitz zu verantworten hatte, zum Tode verurteilt werden. Er flüchtet wie viele Nazis nach Südamerika, um sich der Verantwortung zu entziehen. Und es geht ihm nach schwieriger Eingewöhnung gut dort. Aber allmählich sinkt sein Stern. Oliver Guez hat die Geschichte glaubhaft nachgezeichnet. Bewusst wählt er nicht den Sachbericht, weil doch vieles im Ungewissen bleibt, sondern füllt die Lücken der Recherche, indem er einen Roman verfasst. Das füllt die Geschichte dann auch mit Fleisch und Blut. Auf rund 200 Seiten erzählt Guez von dem Wahnsinn eines verblendeten Akademikers mit einer beunruhigenden Normalität.
Alsbald schon weiß der Leser nicht mehr, wohin er soll mit diesem Monstrum. Man kann doch bitte kein Mitleid haben mit diesem Mann, mit dem es immer weiter bergab geht – und der immer noch Unterstützung aus Deutschland erfährt. Nein, man muss sich permanent den Irrsinn der so genannten Konzentrationslager vor Augen halten, damit man nicht noch auf das erbärmliche Schicksal des Mengele in Südamerika hereinfällt. Dass er jämmerlich an einem Strand verreckt, ist das Allermindeste, was man erwarten darf.
Es ist ein schwieriges Buch zumindest für den, der nicht schon alle Wahrheit für sich gepachtet hat. Aber genau deshalb so packend, dass man es unbedingt lesen muss. Und ein wenig beschämend ist es auch, dass ein solches Buch heute notwendiger ist denn je. Denn längst gehören eigentlich solche Figuren einer Vergangenheit an, die abgeschlossen gehört. Die Wirklichkeit lehrt uns anderes. Da können wir nicht oft genug von den Mengeles lesen, die unsere Welt in den humanistischen Abgrund gestoßen haben.
Michael S. Zerban