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Anneliese Landau war schon 84 Jahre alt, als sie unter dem Titel Pictures you wanted to see – People you wanted to meet eine Autobiografie in englischer Sprache verfasste. Sie war ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern als Andenken für die Kinder ihrer Schwester, die letzten Überlebenden der Familie. Die überließen die Aufzeichnungen und weitere Dokumente der Berliner Akademie der Künste und legten damit den Grundstein für ein Archiv, das an eine Musikwissenschaftlerin erinnert, die das Potenzial für eine akademische Karriere hatte, sie aber nicht verwirklichen konnte: Weder im nationalsozialistischen Deutschland, wo sie als Jüdin ausgegrenzt wurde, noch im amerikanischen Exil, wo die Musikwissenschaft von Männern dominiert wurde und eine Frau kaum Aufstiegsmöglichkeiten hatte.
Landau wurde 1903 geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen, sehr kunstinteressierten jüdischen Familie in Halle auf. Ende der 1920-er Jahre zog sie zum Studium nach Berlin. Hier begann sie eine vielversprechende Laufbahn als Musikwissenschaftlerin, veröffentlichte Artikel in verschiedenen Zeitungen, übernahm die Reorganisation der Musikalischen Zeitschriftenschau, zu der die Katalogisierung wichtiger Fachartikel gehörte, und machte sich als Sprecherin und Moderatorin selbst konzipierter Musik-Programme für den Rundfunk einen Namen. Aufgrund der Ressentiments des Hitler-Regimes musste sie diese Tätigkeiten beenden und durfte nach 1933 nur noch für den Jüdischen Kulturbund arbeiten. 1939 emigrierte sie nach London und von dort aus in die USA, wo sie sich unter schwierigen Umständen eine neue Existenz aufbaute. Als Lehrerin in Jugendsommercamps und mit Vortragstourneen hielt sie sich über Wasser, bis sie 1944 zur Musikdirektorin der Jewish Centers Association in Los Angeles ernannt wurde. In dieser Position, die sie bis zur Pensionierung 1968 innehatte, arbeitete sie vorwiegend als Musikpädagogin, von sporadischen Aufträgen für Vortrags- und Konzertreihen abgesehen – was sie bis zu ihrem Tod 1991 in Los Angeles als menschliche und berufliche Enttäuschung empfand.
Eine Wiedergutmachung wurde Anneliese Landau wenigstens im Nachhinein zuteil. Während der Recherchen für eine Ausstellung der Berliner Akademie der Künste über den Jüdischen Kulturbund wurden die Verantwortlichen 1992 auf die fast Vergessene aufmerksam. Daraus resultierte erst die Übernahme ihres Nachlasses in das Archiv der Akademie, dann als weiterer Schritt die Veröffentlichung der Erinnerungen im Hentrich & Hentrich Verlag.
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Das Buch enthält nicht nur die vorwiegend beruflich ausgerichteten Aufzeichnungen Anneliese Landaus, sondern auch Briefe ihrer Mutter Rosa, die sie zwischen Dezember 1939 und Februar 1942 bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt an die Tochter schrieb. Sie vermitteln einen Einblick in die persönlichen Lebensumstände und den privaten Alltag der Daheimgebliebenen. Und sie künden davon, wie die Hoffnung auf Ausreise nach vielen vergeblichen Anstrengungen von Mal zu Mal mehr schwand – man kann sich leicht ausmalen, wie schwer erträglich das Lesen für Anneliese Landau gewesen sein muss.
Ergänzt werden die beiden Hauptteile durch die Korrespondenz Landaus mit einigen nach Amerika emigrierten Komponisten, darunter Darius Milhaud, Erich Wolfgang Korngold und Ernst Toch sowie einen aufschlussreichen Artikel von Lily E. Hirsch über die hierzulande wenig bekannte Rolle und Ausrichtung der Jüdischen Gemeindezentren in Los Angeles.
Von Berlin nach Los Angeles ist ein wichtiges und bewegendes, zudem ausgesprochen sorgfältig und fundiert aufbereitetes Zeitzeugnis. Zu seinem Gelingen haben mehrere Beteiligte beigetragen: Dazu gehören Lynn Matheson, die die flüssige Übersetzung besorgte, vor allem aber Daniela Reinhold als Herausgeberin, deren Vorwort einfühlsam auf den Lebensbericht Anneliese Landaus einstimmt. Als Lektüre ist er unbedingt zu empfehlen.
Karin Coper