Von Berlin nach Los Angeles

Bei Hentrich & Hentrich ist im Auftrag der Akademie der Künste die Biografie der Anneliese Landau erschienen. Die jüdische Musik­wis­sen­schaft­lerin ging ins Exil nach Amerika. Glücklich wurde sie dort nicht. Korre­spon­denzen mit anderen Exil-Musikern ergänzen das Buch ebenso wie die bewegenden Briefe der Mutter, die zurück­bleiben musste. Empfeh­lens­werte Autobio­grafie einer jüdischen Musik­wis­sen­schaft­lerin, die in die USA auswandern musste.

Anneliese Landau - Foto © N.N.

Eine unvollkommene Karriere

Anneliese Landau war schon 84 Jahre alt, als sie unter dem Titel Pictures you wanted to see – People you wanted to meet eine Autobio­grafie in engli­scher Sprache verfasste. Sie war ursprünglich nicht für die Öffent­lichkeit bestimmt, sondern als Andenken für die Kinder ihrer Schwester, die letzten Überle­benden der Familie. Die überließen die Aufzeich­nungen und weitere Dokumente der Berliner Akademie der Künste und legten damit den Grund­stein für ein Archiv, das an eine Musik­wis­sen­schaft­lerin erinnert, die das Potenzial für eine akade­mische Karriere hatte, sie aber nicht verwirk­lichen konnte: Weder im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutschland, wo sie als Jüdin ausge­grenzt wurde, noch im ameri­ka­ni­schen Exil, wo die Musik­wis­sen­schaft von Männern dominiert wurde und eine Frau kaum Aufstiegs­mög­lich­keiten hatte.

Landau wurde 1903 geboren und wuchs in einer gutbür­ger­lichen, sehr kunst­in­ter­es­sierten jüdischen Familie in Halle auf. Ende der 1920-er Jahre zog sie zum Studium nach Berlin. Hier begann sie eine vielver­spre­chende Laufbahn als Musik­wis­sen­schaft­lerin, veröf­fent­lichte Artikel in verschie­denen Zeitungen, übernahm die Reorga­ni­sation der Musika­li­schen Zeitschrif­ten­schau, zu der die Katalo­gi­sierung wichtiger Fachar­tikel gehörte, und machte sich als Sprecherin und Modera­torin selbst konzi­pierter Musik-Programme für den Rundfunk einen Namen. Aufgrund der Ressen­ti­ments des Hitler-Regimes musste sie diese Tätig­keiten beenden und durfte nach 1933 nur noch für den Jüdischen Kulturbund arbeiten. 1939 emigrierte sie nach London und von dort aus in die USA, wo sie sich unter schwie­rigen Umständen eine neue Existenz aufbaute. Als Lehrerin in Jugend­som­mer­camps und mit Vortrags­tourneen hielt sie sich über Wasser, bis sie 1944 zur Musik­di­rek­torin der Jewish Centers Association in Los Angeles ernannt wurde. In dieser Position, die sie bis zur Pensio­nierung 1968 innehatte, arbeitete sie vorwiegend als Musik­päd­agogin, von spora­di­schen Aufträgen für Vortrags- und Konzert­reihen abgesehen – was sie bis zu ihrem Tod 1991 in Los Angeles als mensch­liche und beruf­liche Enttäu­schung empfand.

Eine Wieder­gut­ma­chung wurde Anneliese Landau wenigstens im Nachhinein zuteil. Während der Recherchen für eine Ausstellung der Berliner Akademie der Künste über den Jüdischen Kulturbund wurden die Verant­wort­lichen 1992 auf die fast Vergessene aufmerksam. Daraus resul­tierte erst die Übernahme ihres Nachlasses in das Archiv der Akademie, dann als weiterer Schritt die Veröf­fent­li­chung der Erinne­rungen im Hentrich & Hentrich Verlag.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Das Buch enthält nicht nur die vorwiegend beruflich ausge­rich­teten Aufzeich­nungen Anneliese Landaus, sondern auch Briefe ihrer Mutter Rosa, die sie zwischen Dezember 1939 und Februar 1942 bis zu ihrer Depor­tation nach There­si­en­stadt an die Tochter schrieb. Sie vermitteln einen Einblick in die persön­lichen Lebens­um­stände und den privaten Alltag der Daheim­ge­blie­benen. Und sie künden davon, wie die Hoffnung auf Ausreise nach vielen vergeb­lichen Anstren­gungen von Mal zu Mal mehr schwand – man kann sich leicht ausmalen, wie schwer erträglich das Lesen für Anneliese Landau gewesen sein muss.

Ergänzt werden die beiden Haupt­teile durch die Korre­spondenz Landaus mit einigen nach Amerika emigrierten Kompo­nisten, darunter Darius Milhaud, Erich Wolfgang Korngold und Ernst Toch sowie einen aufschluss­reichen Artikel von Lily E. Hirsch über die hierzu­lande wenig bekannte Rolle und Ausrichtung der Jüdischen Gemein­de­zentren in Los Angeles.

Von Berlin nach Los Angeles ist ein wichtiges und bewegendes, zudem ausge­sprochen sorgfältig und fundiert aufbe­rei­tetes Zeitzeugnis. Zu seinem Gelingen haben mehrere Betei­ligte beigetragen: Dazu gehören Lynn Matheson, die die flüssige Übersetzung besorgte, vor allem aber Daniela Reinhold als Heraus­ge­berin, deren Vorwort einfühlsam auf den Lebens­be­richt Anneliese Landaus einstimmt. Als Lektüre ist er unbedingt zu empfehlen.

Karin Coper

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