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Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur?

Am 24. September erscheint das neue Buch von Eleonore Büning. Auf rund 220 Seiten präsen­tiert sie ein „best of“ ihrer zeitlosen und humor­vollen Kolumnen aus der Reihe „Fragen Sie Eleonore Büning“ in der Frank­furter Allge­meinen Sonntags­zeitung. Andreas H. Hölscher hat sich über weite Strecken köstlich amüsiert. 

Eleonore Büning - Foto © Uwe Frauendorf

Was ein Meisterwerk ist

Wer kennt nicht diese Situation. Man ist in einem Konzert oder in einer Opern­auf­führung, und plötzlich kommen einem die merkwür­digsten Fragen, deren Antwort man garan­tiert nicht in einem klassi­schen Opern- oder Konzert­führer findet, und auch Google oder Wikipedia helfen da nicht immer weiter.

Die bekannte Rezen­sentin und Autorin Eleonore Büning hat sich genau diesem Thema gewidmet und mit der Reihe Fragen Sie Eleonore Büning viele zeitlose Kolumnen in der Frank­furter Allge­meinen Sonntags­zeitung publi­ziert. Das vorlie­gende Buch ist nun eine Art best of dieser Kolumnen aus den Jahren 2016 bis 2020.

Die 58 Kapitel, verteilt auf 224 Seiten, bedeuten gleichsam 58 Fragen zu Oper und Konzert, die teilweise heiter und mit viel Humor, manchmal auch mit einem Augen­zwinkern beant­wortet, teilweise aber auch musik­wis­sen­schaftlich sehr tiefgründig analy­siert und abgehandelt werden. Somit findet sowohl der musika­lische Laie als auch der versierte Musik­kenner hier Antworten, die er vorher so noch nicht gekannt hat. Warum die Ukulele Ukulele heißt, warum das Horn kiekst, oder wann man klatschen darf oder nicht, auf all diese Fragen findet Büning zeitlose und fundierte Antworten.

Da ist auch ein bisschen Klatsch und Tratsch dabei, wenn Sie sich beispiels­weise der Frage widmet, „Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur?“ Diese Frage ist auch gleich­zeitig der Titel des Buches. Natürlich gibt es auf diese Frage keine allge­mein­gültige Antwort, aber bei einem Besuch der Elbphil­har­monie Hamburg mit einem Konzert unter dem Dirigenten Kent Nagano, der mit frisch geföhnter und wehender „India­ner­häupt­lings­mähne“ herein­eilte, wurde ihr diese Frage von einem Mitbe­sucher gestellt. Und so gibt es eine witzige Abhandlung über das Haupthaar der vielen Maestros und ihrer Eitel­keiten, über Karajans Bürsten­haar­schnitt und dem Faktum, dass Thomas Hengel­brock jedwede Veröf­fent­li­chung von Fotos, die ihn von hinten zeigen, untersagt. Hier muss man das Kapitel schon mit einem gewissen Schmunzeln lesen. Und wer das diesjährige Sommer­nachts­konzert der Wiener Philhar­mo­niker vor Schloss Schön­brunn gesehen hat, dem ist sicher aufge­fallen, dass der Dirigent Valery Gergiev da keine Eitelkeit besitzt oder den falschen Friseur hat. Insofern hat dieser Auftritt Bünings These teilweise widerlegt.

Neben den vielen humor­vollen Fragen gibt es aber auch musika­lisch tiefgründige und auch weder musik­wis­sen­schaftlich belegt noch allge­mein­gültig zu beant­worten. Auf die Frage „Was hat das hohe C, was das hohe D nicht hat?“ erfolgt zuerst eine rein physi­ka­lische Erklärung, die natürlich niemandem weiter­hilft. Doch Büning wäre nicht Büning, wenn Sie darauf nicht eine tiefen­psy­cho­lo­gische Antwort finden würde und analy­siert das ausgehend von der berühmten Arie des Tonio Ah, mes amis, quel jour de fete aus Donizettis Regiments­tochter mit den berüch­tigten neun hohen Cs, die ein gewisser Luciano Pavarotti anno 1966 in London, Covent Garden, unters Volk schleu­derte, locker „wie ein Karne­vals­prinz die Kamellen“ und damit seinen legen­dären Ruf begründete.

Auch auf die Frage: „Was ist ein Meisterwerk?“ gibt es unzählige Antwort­mög­lich­keiten. Büning listet da eine ganze Reihe ihrer eigenen Favoriten auf, ohne Gewähr auf Vollstän­digkeit. Aber sie widmet sich auch ernsteren, politisch-gesell­schaftlich relevanten Fragen, die immer wieder­kehren. So die immer wieder gerne gestellte Frage: „Sind Wagners Meister­singer antise­mi­tisch?“ Über das grund­le­gende Thema Wagner und Antise­mi­tismus sind so viele Bücher und Abhand­lungen geschrieben worden, die können halbe Biblio­theken füllen. Büning beschränkt sich in ihrer Antwort auf gut drei Seiten, geht dabei von der Rezep­ti­ons­ge­schichte des Werkes aus bis hin zur aktuellen Bayreuther Insze­nierung des jüdischen Regis­seurs Barrie Kosky. Quasi eine Abhandlung im Schnell­durchlauf, aber mit fundierten Aussagen, vor denen sich Büning sowieso nicht scheut. Und schließt an diese Frage direkt die nächste: „Warum muss ein Wagner die Wagner­fest­spiele leiten?“ Die initiale Antwort von Büning ist simpel und humorvoll zugleich: „… weil die Mitglieder der Familie Wagner andern­falls auf Dauer arbeitslos wären.“ Natürlich belässt es die Autorin nicht bei dieser Aussage, sondern führt durch die zugege­be­ner­maßen nicht einfach zu durch­schau­enden Statuten der   Richard-Wagner-Stiftung aus dem Jahre 1973.

„Warum gib es so wenige Dirigen­tinnen?“, „War Richard Strauss ein Feminist?“ oder „Was finden Homose­xuelle an der Oper so toll?“ Auf all diese Fragen findet Büning ganz konkrete Antworten, teilweise mit einher­ge­hender Gesell­schafts­kritik, aber immer tiefgründig und auf den Punkt gebracht, auch wenn die Antworten nicht jedem gefallen. Aber das ist auch nicht ihr Anspruch. Dass Büning dazu auch eine Meisterin des Wortwitzes und der Sprache ist, beweist sie mit den Antworten auf die eine oder andere nicht ganz ernst gemeinte Frage: „Was ist so komisch an einem Scherzo?“, „Wozu ist der Tusch gut, und warum tuscht es immer dreimal?“ oder „Was ist und wie funktio­niert ein Ohrwurm?“ Büning räumt in diesem Buch auch mit vielen Vorur­teilen auf, beant­wortet die Fragen gerne pointiert, aber immer auf der Grundlage fundierter Sach- und Fachkenntnis. Und das wichtigste dabei ist, sie nimmt weder sich noch das Sujet zu ernst. „Warum müssen Musiker sich verbeugen?“, „Was machen Musiker eigentlich tagsüber?“ und ganz inter­essant: „Warum machen Cellisten so seltsame Geräusche, vor allem die männlichen?“ Büning findet auf alle scheinbar noch so absurden Fragen eine passende Antwort. Ob die dem Leser weiter­hilft, muss er schon für sich selbst entscheiden.

Eine der inter­es­san­testen Fragen ist die Nr. 26, quasi mittendrin und nicht am Anfang oder zum Schluss gestellt: „Wem nützen und wer liest eigentlich noch Musik­kri­tiken?“ Die Antwort ist simpel und erschre­ckend zugleich: „Niemandem und Niemand“. Büning zitiert dabei das Resultat von „Readerscan, einem compu­ter­ge­stützten Anayl­se­ver­fahren des Leser­ver­haltens. Das Ergebnis: „Null Prozent der Gesamt­le­ser­schaft“ inter­es­sieren sich heutzutage für die Musik­kri­tiken in den diversen Printprodukten.

Ein erschre­ckendes Ergebnis, stellt es doch damit Bünings Arbeit konkret in Frage. Doch Büning setzt sich tapfer mit diesem Phänomen ausein­ander und zitiert dabei den Kompo­nisten und Misan­thropen Frederic Rzewski mit den Worten: „Wir brauchen Musik­kritik, weil die Musik­kri­tiker Arbeit brauchen. Das ist der Haupt­grund. Es kommt vor, dass jemand intel­ligent über Musik schreibt, aber nicht sehr oft. Denn Musiker sind dumm. Und die meisten Musik­kri­tiker waren mal Musiker, wahrscheinlich nicht sehr gute Musiker. Deswegen sind Musik­kri­tiker nicht nur schlechte Musiker, sondern auch dumm.“ Nun denn. Büning hat dafür auch die rechte Antwort und zitiert den Inten­danten der Kölner Philhar­monie, Louwrens Lange­voort, der für den 6. Mai 2016 einen Wettbewerb ausge­schrieben hatte, das Publikum solle seine Musik­kri­tiken künftig selbst schreiben. An diesem Tag spielte übrigens das Ensemble Inter­con­tem­porain in der Kölner Philhar­monie Werke von Jonathan Harvey, Gerard Grisey und Johannes Maria Staud. Büning führt hierzu weiter aus: „Das Publikum schreibt die Kritiken. Die beste Kritik wird prämiert, der Preis ist ein Frühstück mit Lange­voort. Der hat sie dann sicher gelesen, wenigstens einer.“

Und so lesen sich die 58 Fragen und ihre manchmal mit spitzer Feder geschrie­benen Antworten wie ein eigener kleiner Mikro­kosmos in dieser für den Normal­sterb­lichen so unerreich­baren großen und weiten Welt der Musik und ihrer Gestalter. Und um mit Bünings Frage Nr. 26 in abgewan­delter Form zu schließen: „Wem nützt dieses Buch und die Rezension darüber?“ Sehr wahrscheinlich niemandem, aber es macht trotzdem sehr viel Spaß, dieses humor­volle und nicht immer ganz ernste Buch mit den besten Kolumnen aus vier Jahren zu lesen, sich dabei Vorur­teile bestä­tigen zu lassen oder gänzlich über Bord zu schmeißen und den einen oder anderen Blick­winkel einzu­nehmen, den man bisher vermieden hat. Ein Buch, sowohl für Freunde der Klassik als auch für Einsteiger, und um Frederic Rzewski abzuwandeln: „Man wird dadurch nicht dümmer.“

Andreas H. Hölscher

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