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Hanno Rauterberg ist stellvertretender Ressortleiter im Ressort Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Hamburg und Florenz promovierte er über die Frührenaissance und besuchte die Henri-Nannen-Schule. Nach einer Zeit beim Spiegel kam er 1998 in seine jetzige Position, die ihn offenbar nicht auslastet, wenn er nebenbei noch Zeit hat, Bücher zu schreiben. Gut, dass es so ist, denn jetzt hat er ein Thema aufgegriffen, das viele Menschen beschäftigt und ratlos zurücklässt.
Bei Suhrkamp ist dieser Tage sein 140-seitiger Essay unter dem Titel Wie frei ist die Kunst? – Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus erschienen. Im Zeit-typischen Stil und damit etwas behäbig wühlt Rauterberg sich durch einen Kulturkampf, den er als erster erkennt. Menschen, die in den 1960-er Jahren geboren sind, waren entsetzt, als Studenten forderten, ein Gedicht von Eugen Gomringer von einer Hauswand zu entfernen. Für sie war es ein brutaler Eingriff in die Kunstfreiheit. Wenn etwas geschieht, was die eigenen Wertvorstellungen in den Grundfesten erschüttert, ist das Schlimmste die eigene Sprachlosigkeit. Man mag sich mit Schimpfwörtern und Stammtischparolen behelfen, weiß aber insgeheim doch, dass damit der eigene Schrecken nicht erfasst ist. Wie aber soll man Unfassbares, Unvorstellbares in Worte fassen? Am ehesten wohl, indem man zu verstehen versucht, was da gerade passiert.
Und hier springt Rauterberg ein. Er versucht, überwiegend am Beispiel der Museen eine Analyse, die die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit deutlich machen soll. Dazu stellt er eine interessante These auf. „Nicht das, was das Individuum hervorbringt, nicht seine Leistung ist demnach entscheidend, vielmehr sind seine inneren Werte wichtig, und diese artikulieren sich im Affekt, der besonders durchdringende Wirkung entfaltet, wenn er von Verletzungen zeugt. Im Kulturkapitalismus ist daher – neben dem Kreativitäts- und Selbstbestimmungsdrang – auch der Bekenntniswille zum Unwohlsein, zur eigenen Verletzlichkeit und zur Angst prägend geworden.“ Was früher als kontraproduktiv galt, hat sich ins Gegenteil verkehrt. „Zum andern ist die Affekt-Ressource deshalb begehrt, weil sie sich selbst vermehrt: Affekte erzeugen Affekte, falls man sie in der Öffentlichkeit richtig einzusetzen weiß, und sie bringen einem jene Aufmerksamkeit ein, von der man zugleich behaupten kann, sie werde einem vorenthalten.“ Der schmerzhafte Diskurs ist damit hinfällig; es gilt lediglich, Menschen auf der Gefühlsebene abzuholen. Ein probates Mittel, das wir aus vielen Reden der Nationalsozialisten kennen.
Rauterberg belässt es bei der Analyse einzelner Zwischenfälle im Kunstbetrieb. Er hat kein Rezept, das gegen die neuen Befindlichkeiten hülfe. Und bleibt damit im Ungefähren. Trotzdem hilft seine Analyse zunächst einmal, sich über den Totstellreflex hinwegzusetzen. Und wieder damit zu beginnen, darüber zu reflektieren, was diese neue Entwicklung in der Kommunikation bedeuten kann. Und darüber nachdenken kann, was man dieser affektiven Argumentation entgegensetzen kann. Insofern ist sein Essay bei allen Schwächen so etwas wie ein Befreiungsschlag. Man muss sich nicht auf jeden Affekt einlassen, sich nicht wegducken vor allzu wichtig daherkommender Rechthaberei. Verbesserungsvorschlägen gegenüber offen zu sein, heißt nicht, mit vorauseilendem Gehorsam auf eine emotionale Diskussion einzugehen, sondern mit Rückgrat dem gesunden Menschenverstand zu folgen. Und dann sieht es für die Kunstfreiheit vielleicht auch nicht mehr ganz so düster aus wie das Bild, das Rauterberg malt.
Michael S. Zerban