Willi Kollo

Gegen die Wider­stände der Familie hat Wolfgang Jansen nach allerlei recht­lichen Ausein­an­der­set­zungen in diesem Jahr eine dezidierte Biografie des Allround­künstlers Willi Kollo veröf­fent­licht. Darin kommt auch seine Rolle in der Nazi-Zeit zur Sprache. Die umfang­reiche Ausstattung des Buchs ist ebenso erfreulich wie der Schreibstil. Karin Coper hat es gelesen. 

Wolfgang Jansen - Foto © privat

Biografie mit Vorgeschichte

Als Sohn eines berühmten Vaters hat man es nicht immer leicht. Davon kann auch Willi Kollo, der Spross des Berliner Operet­ten­königs Walter Kollo, ein Lied singen. In der Autobio­grafie Als ich jung war in Berlin, die Tochter Marguerite 2008 aus seinen Notizen zusam­men­stellte, erzählt er von einer schwie­rigen Kindheit, die durch Strei­tig­keiten mit der Mutter, die häufige Abwesenheit des Seniors und die Ehezwis­tig­keiten der beiden belastet ist. Doch die väter­lichen Bezie­hungen erleichtern ihm auch den Eintritt ins Showge­schäft und den Aufbau einer eigenen Karriere.

Willi Kollos mit vielen persön­lichen Anekdoten gespickte Erinne­rungen reichen bis 1946, die Episoden aus der zweiten Lebens­hälfte hat Marguerite ergänzt. Sie sind teils unter­haltsame Plauderei über die Unter­hal­tungs­branche, teils Abrechnung mit den Umständen, immer aber vermitteln sie das Bild eines aufrechten Künstlers auch in schwie­rigen Zeiten.

Im Vergleich dazu ist der Blick­winkel der ersten offizi­ellen Biografie, die der Theater­wis­sen­schaftler Wolfgang Jansen unter dem schnör­kel­losen Titel Willi Kollo innerhalb der Reihe Populäre Kultur und Musik heraus­ge­geben hat, nicht ganz so ungetrübt. Obwohl die Initiative zu dem Buch von Kollos Witwe stammt, die Jansen 1990 bat, die Lebens­ge­schichte ihres Mannes zu verfassen, passte ihr und der Familie das fertige Manuskript nicht. Die Veröf­fent­li­chung wurde unter­bunden und mit recht­lichen Konse­quenzen gedroht. Erst 2020 waren alle juris­ti­schen Hinder­nisse ausge­räumt und die Publi­kation konnte gegen den Willen der Familie erscheinen.

Einer der Punkte, woran sie sich stößt, ist die Darstellung von Kollos Rolle zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus. Während der Künstler sich selbst als regime­kri­tisch charak­te­ri­siert, porträ­tiert ihn Jansen als Mitläufer. Das jedoch stets völlig sachlich, diffe­ren­ziert und unter­füttert durch zahlreiche Quellen.

Dieser Stil zeichnet das gesamte, rund 390 Seiten starke Buch aus. Mit einer Fülle an Details, basierend auf genauen Recherchen und neuesten Forschungs­er­geb­nissen, beschreibt Jansen den Werdegang des 1904 Geborenen. Schon als Jugend­licher tritt er künst­le­risch hervor, zunächst litera­risch mit Gedichten und Novellen, die während seiner Inter­natszeit in Blankenburg bei Vortrags­abenden Erfolg haben. Zurück in Berlin verfasst der noch Minder­jährige Texte fürs Kabarett und für Operetten seines Vaters. Doch Willi Kollo hat auch musika­lisch etwas zu sagen. 1925 entstehen erste Nummern für eine Revue, zunächst unter dem Pseudonym Edgar Allan. Schlager wie Grüß‘ mir mein Hawaii oder Nachts ging das Telefon, Berlin­re­mi­nis­zenzen wie das Zillelied für Claire Waldoff oder Lieber Leier­kas­tenmann machen ihn populär und auch als Sänger tritt er auf.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

1929 kommt der Film hinzu, bis 1945 ebenso Produk­tionen für den Rundfunk und das frühe Fernsehen. Bei Kriegsende zieht Kollo nach Hamburg und versucht dort einen Neuanfang im Kabarett und als Regisseur. Dort sind seine Insze­nie­rungen mehr oder weniger erfolg­reich, auch seine Rückkehr 1954 nach Berlin bringt nicht den gewünschten künst­le­ri­schen Neuanfang.

So verlagert er seine Aktivi­täten und geht seinem Interesse an Geschichte nach. Das Ergebnis sind histo­rische Schau­spiele und konser­vative politische Schriften, die er 1970 im eigens gegrün­deten Zeitbuch-Verlag herausgibt.

In seinem eigent­lichen Metier wird er noch einmal 1987 geehrt. Das Ostber­liner Metro­pol­theater spielt eine Kollo-Revue, zu der er noch ein neues Berlin-Chanson beisteuert. Kurze Zeit danach, 1988, stirbt er, und seine Tochter Marguerite übernimmt die Vermarktung der Werke. Sohn René hingegen steht stärker in der Öffent­lichkeit. Er mausert sich vom Schla­ger­sänger zum weltweit gefei­erten Wagner-Tenor.

Wolfgang Jansens Biografie liest sich ausge­sprochen kurzweilig. Das liegt auch an der aufge­lo­ckerten Form: In jedes Kapitel sind Kurzbio­grafien von Wegbe­gleitern und Zeitge­nossen Kollos integriert, dazu gibt es jeweils am Ende einen Dokumenten-Anhang, unter anderem aus Zeitungs­kri­tiken, privaten Briefen und Programm­heft­bei­trägen. Im Nachtrag sind alle Bühnen­werke und Filme, an denen Kollo beteiligt war, aufge­listet, weiter eine penibel aufge­führte Disko­grafie. Da kann man verschmerzen, dass Fotos, vermutlich aus urheber­recht­lichen Gründen, vollständig fehlen.

Karin Coper

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