O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die Zwei-Klassik-Gesellschaft

Axel Brüggemann hat ein Buch veröf­fent­licht, in dem er sich an einer Analyse der derzei­tigen Kultur­krise versucht. Die Missachtung deutscher Recht­schreib­regeln macht das Buch unleserlich, was nicht schlimm ist, als er es an neuen Erkennt­nissen oder gar Visionen mangeln lässt. Zum ersten Mal bei O‑Ton: Nicht empfehlenswert. 

Axel Brüggemann - Foto © privat

Im System verhaftet

Was ist ein guter Journalist? Vielleicht jemand, der mit brillanten Gedanken glänzt, die er in eine für jedermann gutver­ständ­liche Sprache gießt. Der Sprache mit Respekt begegnet, die sein Instrument ist, und sie schützt, um nicht leich­ter­dings sein Handwerkszeug aus den Fingern zu geben. In keinem Fall wird er sie nutzen, um Ideologien hinter­her­zu­laufen und die Gesell­schaft zu spalten. Legt man dieses Verständnis von Journa­lismus zugrunde, braucht man das Buch Die Zwei-Klassik-Gesell­schaft von Axel Brüggemann, das bei Frank­furter Allge­meine Buch erschienen ist, gar nicht erst aufzu­schlagen. Der Autor will seine Leser über knapp 250 Seiten mit der Ignoranz der Recht­schreib­regeln quälen, indem er die gefor­derte Ökonomie der Sprache außer Acht lässt, die einfache Regel unberück­sichtigt lässt, nach der bei einer Doppelung von Begriffen der kürzere nach vorn gestellt wird, und Gruppen ohne Not in Geschlechter teilt. Dass er dabei auch gleich in Angli­zismen schwelgt, verdirbt endgültig jeden Lesegenuss.

Aber, so könnte man argumen­tieren, wenn jemand einen wichtigen Beitrag zu einer Debatte – um eines von Brügge­manns Lieblings­wörtern zu nennen – leisten kann, darf das ja kaum an mangelnden Sprach­kennt­nissen scheitern. Schließlich schlösse das einen Großteil der Bevöl­kerung von jeder Diskussion aus. Brüggemann, der als Kultur­jour­nalist arbeitet und sich gern als Berater und Ideen­geber bei „hochkul­tu­rellen“ Ereig­nissen wie den Festspielen von Bayreuth und Salzburg sieht, versucht sich an einer Analyse der Situation der Kultur in der Bundes­re­publik Deutschland. Dazu teilt er die Gesell­schaft in zwei Lager. Jene, die der alten Ordnung, was auch immer das sein mag, anhängen, und jene, die eine „Trans­for­mation“ der Kultur­land­schaft herbei­reden wollen. Ein netter Gedanke, um ein Buch zu schreiben, aber zu viel mehr taugt die Spaltung nicht. Da ist zu lesen, das Vertreter der „sterbenden Generation“ hofften, dass Bühnen und Konzertsäle kultu­relle Bollwerke gegen den allge­gen­wär­tigen Wandel würden, sich gar den allge­meinen Trans­for­ma­ti­ons­ten­denzen verwei­gerten. Woher der Autor diese sozio­lo­gi­schen „Kennt­nisse“ bezieht, verschweigt er. Mindestens ebenso so willkürlich ist die Festlegung einer „letzten Generation“. Damit hat sich auf Seite 25 eine schlüssige Argumen­tation erledigt.

Darum scheint es Brüggemann auch weniger zu gehen. In den folgenden Kapiteln des rund 250 Seiten umfas­senden Buchs wärmt der Autor allzu Bekanntes auf, wobei ja durchaus auch Wahrheiten auftauchen, wenn er sich etwa im zweiten Kapitel über die Schwächen der Musik­aus­bildung in Deutschland auslässt, die ja in der Tat längst krisen­hafte Zustände erreicht hat. In Kapitel drei wird es ärgerlich, wenn Brüggemann über den Skandal berichtet, den „Journa­listen“ verur­sachten, als sie Menschen als „sozial produ­zierten Menschenmüll“ bezeich­neten. Mit keinem Wort erwähnt der Mann, der sich sonst nicht scheut, Namen zu nennen, dass diesem Perso­nen­kreis, dem das Zitat zugeschrieben wird, zum Beispiel Eleonore Brüning oder Manuel Brug angehören, die sich bis heute nicht von der Äußerung distan­ziert haben und weiter für die Neue Zürcher Zeitung oder die Welt schreiben dürfen, als sei nichts geschehen. Anstatt die Frage zu stellen, was Schrei­ber­linge mit einem solchen Menschenbild quali­fi­ziert, sich über kultu­relle Fragen zu äußern, spielt Brüggemann die Menschen­ver­achtung als „Snobismus“ herunter und kriti­siert politische Taten­lo­sigkeit und die Unfähigkeit eines Theaters, sich mit Notständen vor der eigenen Haustür ausein­an­der­zu­setzen. Beides stimmt nachge­wiesen nicht. Das findet in einem Kapitel statt, in dem es um Macht­miss­brauch hinter den Kulissen geht.

Auch in Kapitel vier versucht Brüggemann, bestehende Narrative zu verfes­tigen, wenn er das Ende der Musik­kritik beklagt. Der Niedergang des Feuil­letons sei unauf­haltsam und damit die Musik­kritik beendet, ist da sinngemäß zu lesen. Mon dieu, das Feuil­leton ist seit mindestens 20 Jahren tot, weil die Menschen nicht länger die Selbst­be­weih­räu­cherung der „Kritiker“ – ich zeige euch jetzt mal, wie schlau ich bin – hinnehmen wollten. Neue Formen der Kritik, die im Internet Gestalt annehmen, haben in den Augen des Autors keine Geltung. Schöne Grüße aus vergan­genen Jahrhun­derten. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Dass sich Hobby-Schreiber auf entspre­chenden Platt­formen äußern, kommt beim Publikum durchaus an. Und auch für ernst­hafte Kritiken, die moderne Bedürf­nisse berück­sich­tigen, indem sie den Theater­besuch als Gesamt­ereignis begreifen, gibt es ein Publikum, von dem die gedruckte Presse nur träumen kann. Bis dahin reicht die „Analyse“ des Autors aller­dings schon nicht mehr. Auch der Hinweis, dass nunmehr jeder seine Meinung in den so genannten Sozialen Medien äußern könne, zeugt kaum von quali­fi­zierter Kennt­nis­nahme. Immerhin fehlt dann der Hinweis nicht, dass Theater auf kontro­verse Kritik angewiesen sind. Und bei genauerer Betrachtung hätte Brüggemann durchaus heraus­ge­funden, dass es die auch gibt – aber eben im Internet und nicht in den Jubel­kri­tiken der örtlichen Tageszeitungen.

Es langweilt schon, in der Tages­presse die Presse­mit­tei­lungen von Orchestern lesen zu müssen, die jetzt häufiger mit dem Zug als mit dem Flugzeug verreisen wollen, oder von Stadt­theatern, die ihre Beleuchtung reduzieren, damit mehr Strom für Elektro­autos übrig­bleibt. Nun, auch der moderne Autor will nicht auf ein solches Mainstream-Kapitel verzichten, das man getrost überschlagen kann. Weder trägt es zum Verständnis einer Kultur­krise bei, noch inter­es­siert einen Theater- oder Konzert­be­sucher, wie die Musiker oder Darsteller zu ihm kommen. Auch das Kapitel über verschiedene Vermark­tungs­mo­delle für Musiker ist überflüssig wie ein Kropf, zumindest in der darge­stellten Form. Im Kapitel über Präsen­ta­ti­ons­formen gibt es noch so etwas wie Kritik, wenn Brüggemann zurecht anmerkt, mit welcher Fahrläs­sigkeit Theater und Konzert­häuser die digitale Welt ignorieren.

Zum Schluss, eigentlich löblich, gibt es 45 „Denkan­stöße“ für die weitere Debatte. Die Idee ist gut, nur einfach schlecht umgesetzt. Wenn Brüggemann kaum mehr dazu einfällt, als dass Theater und Konzert­häuser sich wieder verstärkt im Bewusstsein der Gesell­schaft verankern müssen, ist es schlecht um die Zukunft der Kultur bestellt. Man könnte hier vieles anführen, angefangen dabei, die Blasen aufzu­lösen, in denen sich die Kultur­ar­beiter einigeln, bis hin zu der Frage, ob wir tatsächlich die bishe­rigen Formen der Kultur­prä­sen­tation noch brauchen, oder wie wir mehr Vielfalt in die Kultur bringen, indem wir beispiels­weise die Existenzen von Einzel­künstlern oder kleinen Ensembles sichern. Aber vielleicht spielen solche Fragen über einen Horizont hinaus, der sich in Bayreuth und Salzburg begrenzt. Brüggemann hat hier eine Chance verspielt, die Zeit seiner Leser vergeudet und darüber hinaus ihre Geldbörse über Gebühr belastet.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: