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Wenn eine erfolgreiche Sängerin wie Elīna Garanča, die mit 42 Jahren noch nicht den Zenit ihrer Karriere erreicht hat, ihre Autobiografie vorlegt, dann stimmt das erstmal nachdenklich. Denkt da jemand über sein Karriereende nach, ist es lediglich eine Marketingstrategie oder möchte die Sängerin einfach ihr Leben mit ihren Fans teilen? Eine Frage, die sich nach der Lektüre ihrer am 21. Februar 2019 erschienen Biografie Zwischen den Welten – Mein Weg auf die großen Opernbühnen nicht eindeutig beantworten lässt. Es ist sicher von allem etwas. Zumindest gewährt Garanča dem Leser durchaus private Blicke hinter die Kulissen des Opernalltags und in ein von Reise- und Bühnenstress beeinflusstes Privatleben. Und fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, nämlich am 13. Februar 1999, machte sich die junge Elīna mit dem Bus auf den Weg von Riga nach Meiningen, wo sie ihr erstes festes Engagement am dortigen Theater erhielt, mit grade mal 22 Jahren, und das, bevor sie ihr Gesangsstudium angeschlossen hatte.
Die vorliegende Biografie ist auch nicht ihre erste Lebensbeschreibung, schon 2013 erschien im selben Verlag die Erstbiografie Wirklich wichtig sind die Schuhe, da war Garanča gerade mal 37 Jahre alt. Mit Zwischen den Welten legt Garanča nun eine erweiterte und aktualisierte Ausgabe ihrer Biografie vor, die von der Journalistin Ida Metzger und dem Historiker Peter Dusek aufgezeichnet wurde. Auf 255 Seiten im Klappenbroschur beschreibt die Sängerin in chronologischer Reihenfolge ihren Lebensweg, vom großelterlichen Bauernhof bis hin auf die größten Opernbühnen der Welt. Garniert mit vielen Privatfotos eröffnet sich so dem Opernfan ein selten gewährter Blick hinter die Kulissen und in den gewöhnlichen Alltag. Das Foto, auf dem die kleine Elīna zu sehen ist, wie sie am offenen Sarg von ihrer geliebten Großmutter Nellija Abschied nimmt, sei hier stellvertretend genannt. Überhaupt nehmen die unbeschwerte Kindheit in Riga, das musikalische Elternhaus, die Prägung durch die Mutter, die ebenfalls Mezzosopranistin und ihre erste Gesangslehrerin war, und das einfache, aber unbekümmerte Landleben auf dem Bauernhof der Großeltern in den ersten Kapiteln einen großen Raum ein. Es zeigt die Prägung, die Elīna Garanča in dieser Zeit erfahren hat, und wo die Basis für ihren heutigen Erfolg gelegt wurde. Sie selbst bezeichnet sich schon auf der ersten Seite als „intellektuelles Bauernmädchen“. Und vielleicht ist es diese Kombination aus Intellekt und harter Arbeit, geerdet in der Einfachheit und Normalität einer großen bäuerlichen Familie, die Elīna Garanča zu einer der Top-Opernsängerinnen der heutigen Zeit geformt haben. Selbstdisziplin, Strenge, aber auch die Liebe zur Natur und ihre große Neugier und Unbekümmertheit in jungen Jahren sind da die prägenden Eigenschaften. Ein weiteres Kinderfoto auf dem Bauernhof trägt die treffende Bildunterschrift: „Ich bin die beste melkende Sängerin“. Und trotz guter familiärer Voraussetzungen war der kometenhafte Aufstieg weder vorprogrammiert noch so erwartbar. Immerhin schaffte sie es, 1998 beim internationalen Hans-Gabor-Belvedere-Gesangswettwerb in Wien teilzunehmen und bis ins Semifinale unter die besten vierzig Sängerinnen zu kommen.
Es war Christine Mielitz, damals Intendantin des Südthüringischen Theaters Meiningen, die auf die junge Sängerin aufmerksam wurde und ihr ein erstes Engagement anbot mit dem Fokus auf die Rolle des Octavian im Rosenkavalier von Richard Strauss, der Liebhaberrolle für junge Mezzos schlechthin. Mit 2.900 DM im Monat war dieser Vertrag für die damalige Zeit schon sehr lukrativ dotiert. Garanča beschreibt diese erste große Reise, die sie gegen den Willen ihrer Mutter unternahm.
„Am 13. Februar 1999 stieg ich in Riga in den Bus nach Berlin. Nach 20 Stunden stieg ich beim Tiergarten aus und suchte die Zugverbindung nach Meiningen. Damals musste ich viermal umsteigen. Ich hatte einen riesigen Koffer mit, der mit Lebensmitteln für ein halbes Jahr vollgestopft war – Brot, Maggi-Beutelsuppen, noch einige andere Sachen, ich wusste ja, dass ich mein erstes Gehalt erst am Ende des Monats bekommen würde. Ich hatte keine Ahnung, dass man sich das Gehalt auch im Voraus auszahlen lassen kann. Der Koffer wog fast 40 Kilo und ich schleppte ihn die Treppen hinauf und hinunter zu den Regionalzügen. Am Abend des 14. Februar kam ich in Meiningen an und einen Tag später begannen die Proben. Ich war so erschöpft, dass ich kaum eine Flasche Wasser heben konnte, aber das war mir egal – Hauptsache, ich konnte mein neues Leben beginnen.“
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Diese Passage ist symptomatisch für die gesamte Biografie. Mit einfachen Worten, ohne Allüren und sehr bodenständig, gepaart mit einer Spur Naivität und Ungeduld, so begegnen wir vor allem dem Menschen Elīna Garanča auf dem langen und beschwerlichen Weg vom lettischen Kuhstall bis hin zur Metropolitan Opera New York. Vom unbekümmerten Debüt als Octavian bis hin zum Debüt als Lola in der Cavalleria Rusticana an der Wiener Staatsoper und ihrem internationalen Durchbruch als Charlotte in Massenets Werther 2005. Dann ging es Schlag auf Schlag, noch im selben Jahr debütierte die Sängerin bei den Salzburger Festspielen unter Nikolaus Harnoncourt in der Rolle des Anno in Mozarts Oper La Clemenzia di Tito. Von diesem Moment an schien Garančas Karriere unaufhaltbar, und ein Erfolg reihte sich an den nächsten. Doch immer wieder meldet sich die zweifelnde Elīna zu Wort, die ihr Leben teils auch kritisch hinterfragt. Schon im fünften Kapitel beschreibt sie die drei Elīnas, die sich in ihr vereinen.
„Es ist wichtig, an sich selbst zu glauben, eine eigene Vorstellung von seiner Stimme zu haben und um seine eigenen Grenzen zu wissen. Man sollte nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Schwächen kennen. So würden manchen Sängern bittere Enttäuschungen und nicht realisierte Karriereträume erspart bleiben. Ich glaube sehr an das Schicksal, aber ich vertraue auch meinem Bauchgefühl. Es sind drei ‚Elīnas‘, die mein Leben bestimmen – eine sitzt im Bauch, die zweite im Herzen und die dritte im Kopf. Bei wichtigen Entscheidungen müssen alle drei einverstanden sein. Und ich habe schon viele Tage und vor allem Nächte erlebt, in denen sich die drei überhaupt nicht einig waren und heftige Kämpfe miteinander ausfochten.“
Mehrere Kapitel widmet Elīna Garančas ihrem Privat- und Familienleben. Mit ihrem Mann, dem Dirigenten Karel Mark Chichon, und ihren zwei kleinen Töchtern versucht sie, den Spagat zwischen den Wohnsitzen in Riga, Malaga und Wien, den vielen Reisen zu Aufführungen in die ganze Welt als erfolgreiche Sängerin und das „gewöhnliche Familienleben“ als Frau und Mutter unter einen Hut zu bekommen. Dabei spricht sie ganz offen über die Kehrseite der Erfolgsmedaille, über Einsamkeit und Trennung, über Krankheit und den ständigen Erfolgsdruck. Und auch hier lernen wir eine andere Elīna Garanča kennen, die zwar trotz mitunter fünf gleichzeitig engagierten Nannys eine fürsorgende Mutter ist, und die irgendwann auch erkannt hat, dass der Preis für diese Karriere auf Dauer zu hoch sein wird. Sie spricht über ihre Melancholie und ihre Ungeduld, ihre nach eigenen Worten größte Schwäche.
„Wenn ich bei den Proben eine Schwäche habe, dann ist es einzig meine Ungeduld, da geht öfters mein Temperament mit mir durch. Ich mag es, wenn effektiv und ohne viel Getratsche und Diskussionen gearbeitet wird, und es kann durchaus sein, dass mir diese Ungeduld als Diven-Gehabe ausgelegt wird, aber meine Unfähigkeit, bei Proben ruhig und gelassen zu bleiben, hat nichts mit Allüren zu tun. Ich finde, sechs Wochen Probenzeit sind einfach unnötig. Das gibt Raum für zu lange Diskussionen, sinnloses Geplapper bei den Konzeptionsgesprächen. Manchmal habe ich das Gefühl, da wird alles zerredet, und nach drei Wochen Proben wird alles über Bord geworfen, und wir fangen wieder bei null an. In diesem Moment juckt es mich, und ich wurde am liebsten vor Ungeduld aufspringen und sagen: Okay, genug geredet, lasst uns endlich arbeiten!“
Natürlich muss man hier den Status, den Garanča sich mittlerweile erarbeitet hat, berücksichtigen; eine Sängerin, die keine internationale Bedeutung hat und an einem kleineren Haus ein Engagement hat, wird sich hüten, diese sicher berechtigte Problematik zu thematisieren. Aber Garanča ist offen und selbstkritisch, auch mutig und fordernd zugleich, weil sie es sich auch leisten kann. So schreibt sie offen über ihre Differenzen mit dem ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender. Und sie packt auch Themen an, die in diesen Kreisen eher als Tabu gelten und vielleicht nur hinter vorgehaltener Hand unter Sängerinnen besprochen werden, wie beispielsweise der Einfluss von weiblichen Hormonen und Schwangerschaft auf die Stimme.
„Vor allem wir Frauen sind von vielen körperlichen Umstellungen beeinflusst. Die ewigen Reisen, die zahlreichen Zeitumstellungen verursachen einen permanenten Jetlag, der nicht selten unseren Hormonhaushalt auf den Kopf stellt. Die Schwangerschaft stellt für eine Sängerin immer ein gewisses Risiko dar.
Dann gibt es natürlich noch den normalen Zyklus einer Frau, der einen enormen Einfluss auf die Elastizität der Stimmbänder hat. Am Ende der Sängerkarriere einer Frau kommt dann noch die Menopause. Das alles sind in der Opernwelt nach wie vor Tabuthemen, die an gewissen Tagen die Stimmqualität einer Sängerin beeinflussen. Eine Art Geiselhaft ist das berühmte prämenstruelle Syndrom, kurz auch PMS genannt. Kurz bevor frau ihre Menstruation bekommt, leidet sie an den Auswirkungen von PMS. Welche Frau kennt das nicht – das äußert sich in Rückenschmerzen, Kopf- oder Unterleibsschmerzen, Spannungsgefühlen in der Brust, einer niedrigen Schmerzgrenze, Gereiztheit und Wassereinlagerungen im Körper. Bis heute kenne ich keine Sängerin, die je darüber offen gesprochen hat, obwohl wir alle – mal mehr, mal weniger – darunter leiden.“
Es ist bezeichnend für Elīna Garanča, auch derartige Themen offen anzusprechen, genauso wie sie freimütig zugibt, dass Bügeln für sie eine ideale Form des Stressabbaus ist. Zum Ende der Biografie gibt es natürlich einen Ausblick in die Zukunft. Der Fachwechsel vom lyrischen Mezzosopran in das dramatische Fach ist mittlerweile vollzogen. Nach großen Erfolgen als Carmen und als Santuzza in Pietro Mascagnis Cavalleria Rusticana und Eboli in Verdis Don Carlo hat sich Garanča neue Ziele gesetzt: die Rolle der Amneris in Verdis Aida. Diese Rolle sei für sie der Mount Everest, die Traumrolle schlechthin, deretwegen sie eigentlich Sängerin werden wollte. Noch hat sie keinen Rollenvertrag, noch steht das Debüt in den Sternen. Doch so wie man die Sängerin in diesem Buch kennengelernt hat, wird sie auch diesen Berg besteigen, vorausgesetzt Gesundheit und Stimme machen in den kommenden Jahren mit.
Und noch eine Traumrolle steht in ihrem Kalender. Mit der Partie der Kundry in Wagners Parsifal wird sie 2021 an der Wiener Staatsoper debütieren. Ein Ereignis, dem nicht nur eingefleischte Garanča-Fans entgegenfiebern dürften.
Elīna Garanča schreibt in ihrer Biografie Zwischen den Welten unprätentiös und zuweilen sehr humorvoll nicht nur über die Stationen ihrer Karriere, sondern auch über die kleinen und größeren Sorgen und Nöte, die der Sängeralltag so mit sich bringt, und über den Spagat zwischen einem Leben als erfolgsverwöhnter Opernstar und dem Familienleben mit Mann und Kinder, mit Haus und Garten. Auch ihr Verständnis von den jeweiligen Rollen, die sie erarbeitet, eröffnet durchaus neue Sichtweisen auf die Charaktere, insbesondere bei der Partie der Carmen. Viele Privatfotos, vor allem aus der Kindheit, verleihen dem Buch schon fast einen intimen Einblick in das Gefühlsleben einer Frau, die von den Medien gerne als die „kühle Blonde“ dargestellt wird. Im Anhang der Biografie finden sich neben ihren Auszeichnungen eine Auflistung ihrer CD- und DVD-Einspielungen, für eine 42-jährige Sängerin mehr als beachtlich. Allein 38 CDs sind im Zeitraum von 2001 bis 2017 erschienen, und 17 DVD-Aufnahmen in den letzten 20 Jahren komplettieren die mediale Präsenz. Und das ist auch die Empfehlung bei der Lektüre dieses Buches: Einfach eine Aufnahme mit Elīna Garanča ins Abspielgerät, ein gutes Glas Rotwein, und das Buch liest man schnell und ohne Anstrengung in einem weg. Ein schönes Buch für alle, die hinter die Kulissen des Opernalltags schauen wollen, und für Garanča-Fans ein absolutes Muss.
Andreas H. Hölscher, 24. Februar 2019