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Der Rosenkavalier

Als bekannt wurde, dass André Heller einen Rosen­ka­valier in Berlin insze­nieren sollte, war die Aufregung groß. Ein Magier, der Oper insze­niert. Und siehe da: Es gibt eine eher konven­tio­nelle Regie in hochäs­the­ti­scher Ausstattung. Helmut C. Mayer hat sich die Blue Ray angeschaut, ist vor allem von Camilla Nylund und der musika­li­schen Leistung begeistert. 

Foto © Matthias Creutziger

Feine Zeitlosigkeit und bunte Ästhetik

Lotte Lehmann als Marschallin, Maria Jeritza in der Rolle des Octavian oder Richard Tauber als Sänger unter der musika­li­schen Leitung von Franz Schalk: So promi­nente Namen von anno dazumal stehen auf einem Programm­zettel vom 9. Februar 1917 über eine fiktive Benefiz­vor­stellung zugunsten eines Waisen- und Witwen­fonds. Der prangt auf einem Zwischen­vorhang, der vor Beginn der Aufführung proji­ziert wird. Damit wird 2020 offen­sichtlich eine Verortung und ein Rahmen für die Neuin­sze­nierung von Richard Strauss‘ Der Rosen­ka­valier an der Berliner Staatsoper Unter den Linden gewählt, die jetzt kürzlich bei Arthaus Musik auf DVD und Blu-ray erschienen ist. Die als Schirm­herrin agierende Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe gab es tatsächlich, und sie hätte auch über die Mittel verfügt, ein solches Event zu veranstalten.

Und wirklich strotzt die Ausstattung nur so von Jugendstil, Japonismus, Anklängen von Nordafrika, aber auch von fantas­ti­schem Realismus. Nach einem japanisch ausge­stat­teten Schlaf­zimmer im ersten Akt, der Stil war damals voll im Trend, hängt im zweiten Akt Gustav Klimts Beetho­ven­fries im Palast von Faninal, dessen Schöpfer selbst und seine Muse Emilie Flöge sich unter die Gäste mischen. Der letzte Akt spielt nicht in einem billigen Beisl, sondern in einem Palmenhaus samt einer bunten Wüsten­jurte mit exoti­schen Lampen und Boden­kissen: Von der Wiener Malerin und Bühnen­bild­nerin Xenia Hausner stammt das durchaus fanta­sie­volle, bunte Bühnenbild. Die ebensolchen Kostüme hat Artur Arbesser erdacht. Diese Ausstattung gibt einiges her in ihrer Eleganz und Ästhetik. Darin hat der damals 73-jährige Multi­künstler André Heller, in Wien, aber auch in Marokko zu Hause und auch sonst viel auf Reisen, erstmalig Oper insze­niert, unter­stützt vom Wiener Opern­re­gisseur Wolfgang Schilly. Die Erwar­tungen für diesen Regiecoup oder eines möglichen Überwäl­ti­gungs­ef­fekts waren hochge­schraubt, das Wunder ist jedoch ausge­blieben. Zu sehen ist eine zeitlose, ziemlich konven­tio­nelle, aber auch intel­li­gente, zurück­hal­tende Sicht­weise des Stücks, aller­dings mit wenigen beson­deren Regie­ein­fällen und es fehlt auch etwas an Komik. Besonders zum Finale ist Heller nicht viel eingefallen.

Günther Groissböck führt die Sänger­riege an, mit präch­tigem Bass und mit einer krach­le­dernen Hose im letzten Akt. Da passt jede Nuance, jede Geste, jede Mimik, jeder Schmäh. Wahrscheinlich ist er derzeit in dieser Rolle des überbor­denden, erobe­rungs­ver­ses­senen Machos unschlagbar und der führende Interpret. Camilla Nylund ist eine wunderbar wortdeut­liche Feldmar­schallin mit blühendem, fein intonie­rendem Sopran, mit viel Eleganz, Noblesse und Innigkeit. Sehr androgyn, mit passend knaben­hafter Figur und etwas herbem Timbre wirkt der Octavian der Michèle Losier, die jedoch im Forte mit viel Tremolo aufwartet. Nadine Sierra ist ein feine, lyrische Sophie mit überra­genden, glasklaren Höhen. Der Faninal des Roman Trekel bleibt trotz des goldenen Anzugs sehr blass und vibra­toreich. Auch die zahlreichen anderen Rollen sind mehrheitlich gut besetzt, wie Anna Samuil als Leitmet­zerin, Karl-Michael Ebner und Katharina Kammer­loher als Intri­gan­tenpaar Valzacchi und Annina sowie ganz besonders Atalla Ayan als Sänger, der einen wunderbar schmelzigen Belcanto-Gesang erklingen lässt.

Der damals 84-jährige Zubin Metha am Pult der Staats­ka­pelle Berlin schafft mit teils sehr breiten Tempi, wofür die Sänger einen langen Atem brauchen, feinste, nuancen­reiche Zwischentöne und eine wunderbare Durch­hör­barkeit. Er präsen­tiert viel Wohlklang und einen sehr intimen, ja, fast kammer­mu­si­ka­li­schen Zuschnitt.

Wunderbar und immer am Puls des Geschehens präsen­tiert sich die Video­regie von Felix Breisach.

Helmut Christian Mayer

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