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The Making of West Side Story

Am 25. August wäre der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden. Eine gute Gelegenheit, noch einmal ins Regel zu greifen und sich ein Schätzchen anzuschauen, das nicht nur den Maestro bei der Arbeit zeigt, sondern auch die Produk­ti­ons­be­din­gungen, die im 20. Jahrhundert noch möglich waren. Hervor­ra­gende Musik-Doku, spannend und hochka­rätig besetzt.

Leonard Bernstein - Foto © Alan Warren

Persönliche Interpretation

Der 6. Januar 1949 war rückbli­ckend ein ereig­nis­reicher Tag. Im ungari­schen Nyiregyhaza wurde Stefan Soltész geboren, der sich später einen Namen als Dirigent und Intendant machen sollte. Im ameri­ka­ni­schen Cottonwood, Arizona, starb an diesem Donnerstag Victor Fleming, der zehn Jahre zuvor bei gleich zwei cineas­ti­schen Meister­werken Regie geführt hatte: Der Zauberer von Oz und Vom Winde verweht. Und in New York empfing Leonard Bernstein den Produ­zenten Jerome Robbins in seiner Wohnung. Es wurde die Geburts­stunde eines Welterfolges, der bis heute anhält. Zwei Tage dauerte es, bis Robbins Bernstein von seiner Idee überzeugt hatte. Romeo und Julia in der Großstadt, aber bloß nicht als Oper. Schon in der darauf­fol­genden Woche wurde Arthur Laurents mit dem Drehbuch beauf­tragt. Später kam noch Stephen Sondheim hinzu, der die Liedtexte verfasste. Aller­dings sollte es noch mehr als acht Jahre dauern, bis die West Side Story im National Theatre in Washington das Licht der Welt erblickte. Der Rest ist Geschichte.

1984 trat die Deutsche Grammophon an Bernstein heran. Zwar hatte es schon vorher Schall­plat­ten­auf­nahmen gegeben. Nach der Einspielung noch im Jahr 1957 mit der Original-Broadway-Besetzung, gab es 1961 selbst­ver­ständlich ein Sound­track-Album zum Film. Aber eine Studio-Einspielung mit Lenny Bernstein als Dirigent? Fehlan­zeige. Bernstein dachte größer.

Denn eines war ihm bisher versagt geblieben. Eines der größten musik­thea­tra­li­schen Werke der Gegenwart blieb den großen Opern­sängern vorent­halten, weil auf der Bühne Jugend­liche stehen mussten. Bei einer Studio-Aufnahme war es egal, wie alt die Akteure waren. Also besetzte er kurzerhand Spitzen­kräfte. Und die Deutsche Grammophon versprach, die Entstehung des Albums filmisch mit Unter­stützung von BBC und Unitel zu dokumen­tieren. Es entstand einer der großar­tigsten Dokumen­tar­filme der Musikgeschichte.

Chris­topher Swann ist hier seiner Zeit um einiges voraus. Geradezu minima­lis­tisch erzählt er eine Geschichte ohne Off-Stimme, mit kurzen Schnitten, schafft eine intensive Authen­ti­zität und höchste Glaub­wür­digkeit, indem er die Wirklichkeit wenig schönt. Die chrono­lo­gische Erzählung erzeugt Spannung, die letztlich eher im Grenzgang Bernsteins als in einer schlüs­sigen Pointe Auflösung findet. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Doku eine Huldigung des großen Maestros, die aber meisterhaft durch ihn selbst gebrochen wird.

Die Prominenz reist an. Kiri Te Kanawa wird unter Stimm­pro­blemen leiden, weil sie mit den exzes­siven Klima­an­lagen New Yorks nicht zurecht­kommt. Trotzdem wird sie eine brillante Maria abgeben. José Carreras wird zeitweilig an Maria scheitern, seine Wut kaum beherrschbar sein; wunderbar diese Bilder des verwun­deten Menschen, die aus Carreras einen von uns machen: Einer, der das Beste in seinem Beruf zu erreichen versucht und so richtig sauer ist, wenn es ihm nicht auf Anhieb gelingt. Immerhin gibt er nicht anderen wie etwa dem Dirigenten die Schuld. „Jede seiner Bewegungen ist Musik. Er sagt den Inter­preten mit seinen Gesten, mit seinen Augen, mit seinem Körper, was er will. Niemand auf der Welt kann das so wie er.“ Ähnlich begeistert von der Zusam­men­arbeit mit Bernstein ist Tatiana Troyanos, die in der Rolle der Anita glänzt. Und Bariton Kurt Ollmann bewährt sich als Riff, noch ganz am Anfang seiner Karriere, die durch den Maestro beflügelt werden wird.

Anschließend gibt es eine Vorbe­spre­chung mit den Damen des Ensembles, die alle ganz selbst­ver­ständlich vom Maestro bei seiner Ankunft auf den Mund geküsst werden. Der Zeitgeist regiert. Und leider auch die Kamera, die jedem der Akteure viele Pfunde auf die Hüften hievt. Aber die Kamera fängt auch Bernstein immer wieder in seiner unver­gleich­lichen Art zu dirigieren ein. Hier ist nicht der Clown am Pult der Abend­ver­an­staltung gefragt, sondern der Dirigent, der das Orchester zu höheren Weihen führt und die Sänger behutsam begleitet. Das Orchester entlastet weitest­gehend den Dirigenten. Es ist ein so genanntes Mucken­or­chester, zusam­men­ge­stellt aus den besten Musikern, die zu der Zeit verfügbar sind.

In der Technik sind fünf Menschen tätig. Welch ein Luxus. Und welch ein Genuss sind die Dialoge zwischen Bernstein und den Spezia­listen aus der Tontechnik. Von zynisch bis süffisant geht das. Herrlich. Kaum ist man dem Dirigenten näher gewesen als in diesen knapp 80 Minuten, kann seine Begeis­terung und Erschöpfung spüren. Begeis­terung schon deshalb, weil er in dieser Einspielung verwirk­lichen kann, was ihn drei Jahrzehnte nach der Entstehung musika­lisch immer noch faszi­niert. Da werden andere Akzente gesetzt als in der Bühnen­fassung. Die Erschöpfung ob der zahlreich abzuhö­renden Takes wirkt im Rückblick sympto­ma­tisch. Fünf Jahre später ist das Leben des Genies, wie ihn die Solisten dieser Einspielung bezeichnen, beendet.

Wer diesen großar­tigen Film noch nicht besitzt, sollte beim Kauf gewitzt sein und nach der Spezial-Edition Ausschau halten. Da gibt es nämlich ein Buch mit der Einspielung und dem Making of als Dreingabe für denselben Preis wie für die DVD, die in einer sehr unchar­manten Standard-Ausgabe erhältlich ist.

Michael S. Zerban

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