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Ein Jahr hatte die Deutsche Grammophon Zeit, sich auf die Veröffentlichung der Meistersinger von Nürnberg vorzubereiten. Im Sommer 2017 bei den Festspielen aufgezeichnet, scheint es sich um den Mitschnitt der Premiere am 25. Juli vergangenen Jahres zu handeln. Passend zur Wiederaufnahme in Bayreuth bringt das Label nun DVD und Blue-Ray auf den Markt, was angesichts einer wirklich guten wie diskussionswürdigen Produktion auch absolut notwendig ist. Doch wie wird dieses Projekt präsentiert? Das schönste Detail ist sicherlich noch das Cover, das den halb im Schatten stehenden Michael Volle als Hans Sachs respektive Richard Wagner zeigt. Ein starkes Bild von Enrico Nawrath und man darf dankbar sein, diesen Namen ganz versteckt irgendwo im Kleingedruckten finden zu können.
Es gibt tatsächlich ein Booklet, das allerdings nur Auskunft über den DVD-Katalog der Deutschen Grammophon gibt. Inhaltsangabe oder ähnliches, vielleicht ein paar Gedanken zu der Inszenierung sucht man vergeblich. Das ist schon mal ein großes Übel, denn sicherlich hätte das Faktum, dass Barrie Kosky der erste jüdische Regisseur in der Geschichte der Bayreuther Festspiele ist, eine Erwähnung verdient. Und seine recht mutige Idee erst recht. Denn er stellt Wagners Idealvorstellung von Kultur, dass er von allen Einflüssen der Juden und anderen Faktoren befreit sehen möchte, in den Mittelpunkt. Beginnend in Haus Wahnfried, wo Wagner bei einer Hausprobe in die Rolle des Hans Sachs schlüpft, landet er schließlich im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, wo er selbst als Angeklagter steht. Wie singt Hans Sachs so schön? „Ich bin verklagt und muss bestehn“. Während man im Internet allerhand Beiträge und Interviews zu Barrie Kosky und seiner Inszenierung findet, hat man das offensichtlich bei der Deutschen Grammophon nicht für nötig befunden. Schließlich geht es hier nicht nur um eine Inszenierung, sondern das Label hätte in Einklang mit den Bayreuther Festspielen ein Zeichen gegen den Antisemitismus setzen können.
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So steht erst mal der künstlerische Eindruck im Mittelpunkt, und da hat Video-Regisseur Michael Beyer alle Hände zu tun, die unzähligen Details auf der Bühne einzufangen. Denn Rebecca Ringst und Klaus Bruns haben herausragende Arbeiten in Sachen Bühnenbild und Kostümen geleistet. Dazu kommt noch die lebendige Personenführung, die Kosky erarbeitet hat, mit einem Ensemble, das absolut Lust hat, Theater zu spielen. Wie kann man es der Kamera verübeln, da etwas zu unruhig zu sein oder eben den Kontakt zu den Gesichtern herzustellen, was bei Sängern immer etwas problematisch ist. Aber so ein tolles Mienenspiel wie bei Michael Volle und Johannes Martin Kränzle erlebt man eben nicht alle Tage.
Die beiden hochkarätigen Baritone sind live wie auch auf DVD die absoluten Überflieger, deren Leistung aber auch durch die engagierte Haltung der kleinsten Nebenrollen untermauert wird. Da gibt es acht Meister, die immer wieder kleine oder größere Einwürfe haben, ansonsten viel auf der Bühne rumsitzen müssen. Beim Anschauen der DVD bekommt man den Eindruck, dass Kosky mit jedem einzelnen geprobt hat, so belebend sind sie auf der Bühne. Auch akustisch sind sie vollkommen rollendeckend und harmonisch besetzt. Für die Deutsche Grammophon sind Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Raimund Nolte, Andreas Hörl und Timo Riihonen quasi nicht existent. Ihre Namen werden nur im Vor- und Abspann der DVD genannt, ebenso wie Luxus-Einspringer Georg Zeppenfeld als Nachtwächter. Es ist mindestens eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, einen gut einsehbaren Besetzungszettel beizufügen.
Vokale Abstriche muss man bei Anne Schwanewilms machen, die der Eva entwachsen ist. Die Buh-Rufe am Ende sind allerdings nicht gerechtfertigt. Klaus Florian Vogt kann bei der Aufzeichnung seinen Tenor nicht so strahlen lassen wie in diesem Jahr. Dagegen ist Günther Groissböck ein mehr als nur idealer Pogner und auch von Daniel Behle kann man als David nicht genug hören. Das gleiche gilt für den hervorragenden Festspielchor.
Wie so oft ist im Premierenjahr das Dirigat noch nicht völlig ausgereift, aber man hört das große Versprechen, das Philippe Jordan dann in seiner Interpretation von 2018 einlöst. Seine Meistersinger pulsieren dank des großartigen Orchesters mit einer wunderbaren Leichtigkeit.
Im Prinzip hat man diese Produktion ein Jahr zu früh aufgenommen, aber sicher gab es die Sorge, die wesentlichen Leistungsträger ein Jahr später nicht mehr zusammen vor die Kamera zu bekommen. Dass die Deutsche Grammophon dieses wirklich aufzeichnungswürdige Projekt so lustlos und unter Wert verkauft, ist das größte Ärgernis.
Christoph Broermann