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Der Film The Spoils erzählt die Geschichte von zwei Ausstellungen in Düsseldorf – eine, die nie zustande kam und eine andere, die besser nicht zustande gekommen wäre. Jetzt hatte The Spoils, 2024 vom Filmfest München in alle Welt gegangen, seine Düsseldorf-Premiere. 100 Minuten, die die Stadt und seine Offiziellen im Zwielicht zeigen, reichlich Stoff zum Fremdschämen liefern, auch wenn der Vorfall mittlerweile acht Jahre zurückliegt. Ausgestanden ist das bis heute nicht. Man spürte das. Mit Regisseur Jamie Kastner, mit dem NS-Raubkunst-Experten Willi Korte will ein Paul-Spiegel-Filmfestival-Publikum im Metropol bis in die Puppen debattieren. „Warum ist die städtische Politprominenz nicht vor Ort?“, wird gefragt. Und: Was arbeitet da eigentlich im Untergrund gegen Aufklärung, gegen rechtmäßige, nur allzu selbstverständliche Restitutionsansprüche?
Auf der Leinwand erscheint der vormalige Oberbürgermeister Thomas Geisel. Er war es, der 2017, ohne die Absprache mit den internationalen Partnern zu suchen, eine Ausstellung abgesagt hatte, die dem von den Nazis enteigneten Düsseldorfer Kunsthändler Max Stern hätte Gerechtigkeit widerfahren lassen sollen. Der Ausstellung fehle angeblich die „Ausgewogenheit“. International verstand man das als herben Rückschlag, zumal Äußerungen Geisels nahelegten, man fürchte sich vor weiteren Rückgabeforderungen. Der Skandal war da.
Im Film wird das vom kanadischen Regisseur Jamie Kastner aufgegriffen. Aufgefordert, sich über die Staatsverbrechen und ihre Folgen zu äußern, fällt Geisel, dessen Englisch fließend ist, nichts anderes ein, als in die Kamera zu grinsen und Döneken über die Stadtgeschichte abzusondern. Nächster Höhepunkt, die an Selbstgefälligkeit nicht zu überbietende Erscheinung des von der Stadt nach der Ausstellungsabsage engagierten Rechtsanwalts und langjährigen Berliner Kulturstaatssekretärs Ludwig von Pufendorf. Auch hier das nämliche Was-wollt-ihr-eigentlich-Lächeln. Entspannt im Armlehnsessel, zeigt sich Pufendorf resistent gegen die Faktenlage wie sie eindrucksvoll das kanadische Max Stern Art Restitution Project liefert. Man fühlt sich zurückversetzt in eine Republik, die Augen und Ohren fest verschlossen hatte. Nennen wir sie die Pufendorf-Republik. Als alter Vorkämpfer des juristischen Widerstands gegen jedwede Restitutionsansprüche, verteidigt Pufendorf Sammlungen, die auf glasklaren Enteignungen beruhen. Der zugespitzte Ausdruck der Restitutionsbefürworter für die widerrechtlich zurückgehaltenen Bilder – „Die letzten Kriegsgefangenen“ – das sei, meint der alte Herr, ein „abscheulicher Begriff“, um im nächsten Moment wieder ganz den jovialen Onkel herauszukehren. „Aber das ist unchristlich von mir. Ich nehme es zurück.“ Der Hartnäckigkeit des auf seinen Fragen beharrenden Filmemachers ist es schließlich zu danken, dass Pufendorf, dem von der Stadt Düsseldorf entsandten Kämpfer für den Status quo, die Katze aus dem Sack lässt. Es ist ein Moment, in dem die Zunge redet, was der schlaue Kopf nur unter Seinesgleichen zulässt, dann aber umso offener. Eigentlich, so Pufendorf, wollten die – er meint die der Forschung hingegebenen kanadischen Stern-Erben – doch nur die Bilder „versilbern“. In der Klartext-Sprechblase steht: Der Jude ist doch immer nur hinterm Geld her!
– Schnitt –

The Spoils – das erzählt sich als psychosoziale Studie über ungebrochen fortwirkende Mentalitäten mit ihren prekären Begleiterscheinungen Kumpanei, Verschlossenheit, vor allem aber Provinzialität. Und das in einer Stadt, die sich so gern weltoffen nennt. Sie ist es nicht. Das sagt der Film. Dass die Stadt ihrerseits um Schadensbegrenzung bemüht war und ist, sagt er allerdings auch nicht. Es hätte nicht viel gekostet, die öffentliche Erklärung des amtierenden Oberbürgermeisters einzurücken, um seinerseits darauf zu reagieren. „Es ist bedauerlich, dass es zur Kontroverse zwischen den einstigen Partnern gekommen ist. Ich möchte mich im Namen der Stadt dafür entschuldigen, dass die im Jahr 2017 vorgenommene Absage, bei den kanadischen Beteiligten als Affront wahrgenommen werden musste.“ Sagt Oberbürgermeister Stephan Keller in einer Pressekonferenz am 3. September 2021.
Der Fall, der 2017 als Skandal durch die Weltpresse geht, ist nach seinen Wirkungen, seinen Verletzungen völlig unabgeschlossen. Mit Formel-Entschuldigungen ohne sachliche Erläuterung kann die Brüskierung der kanadischen Forscher, denen eine verpeilte Stadtpolitik Unseriosität unterstellt hatte, allerdings auch nicht wieder ins Lot kommen. Dass die Stern-Erben so gesehen keinen Anlass mehr sahen, die zweite Ausstellung im Jahr 2022, organisiert von einem willfährigen, von Pufendorf lancierten Ausstellungsmacher mitzutragen, ist nachvollziehbar.
Kurz: The Spoils – das wird weiterrumoren. Womit an dieser Stelle aber doch zu fragen bliebe, weshalb die eindrucksvolle Doku eigentlich keinen deutschen Titel hat? – Irgendwas mit dem kanadischen Verleih sei das, sagt Kastner. Kann sein. Nur für die Absicht, den Restitutionsdiskurs auf eine breite Ebene zu hieven, so Korte, ist das natürlich kontraproduktiv. Schon komisch, wenn man im Lexikon nachschlagen muss, was ein Film im Titel führt. The Spoils, erfahren wir dann, kann die Beute sein, das können aber auch die Tücken sein. Das Wort wählt August Wilhelm Schlegel für seine Übersetzung des Kaufmann von Venedig, wenn Lorenzo, 5. Akt, 1. Szene, von treasons, strategems, and spoils spricht: Verrat, Räuberei, Tücken. Passt alles. Könnte eine starke Überschrift abgeben: Tückisches Spiel.
Georg Beck