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Amy Beach and Friends

Am 4. Dezember fand im Kölner WDR-Funkhaus ein Kammer­mu­sik­abend statt, der die Kompo­nistin Amy Beach in den Fokus stellte. Die Sopra­nistin Anna Herbst trat mit einem Kammer­mu­sik­ensemble an, um einen Einblick in die ameri­ka­nische Musik der Klassik des 19. und 20. Jahrhun­derts zu geben. 

Anna Herbst und Cosima Streich - Foto © Sebastian Herzog-Geddes
Matthias Veith, Elisabeth Moog, Anna Herbst und Cosima Streich - Foto © Sebastian Herzog-Geddes

Wie es in Amerika klang

In diesen unwirt­lichen Tagen verlässt man das Haus, um zur Arbeit zu gehen, Einkäufe zu erledigen oder die Weihnachts­märkte der Region zu besuchen. Deshalb muss man aber noch lange nicht auf den Konzert­besuch verzichten, selbst dann nicht, wenn man überteuerte Parkplätze oder kalte, zugige Halte­stellen vermeiden will. Schließlich haben wir alle ja bereits Konzerte in höchster Aufnah­me­qua­lität mit den Zwangs­bei­trägen zum öffentlich-recht­lichen Rundfunk bezahlt. Warum das nicht auch mal in Anspruch nehmen oder zumindest ausprobieren?

Anna Herbst und Johannes Zink – Foto © Sebastian Herzog-Geddes

Eine gute Gelegenheit bietet sich bei einem Konzert, das am 4. Dezember im Kölner Funkhaus Wallraff­platz des Westdeut­schen Rundfunks stattfand und das man bis zum 11. Januar im „Konzert­player“ des Senders im Netz nachhören kann. Und zwar deutsch­landweit und zu jeder Uhrzeit. Eine Empfehlung vorab. Es steigert sicher den Hörgenuss, in den eigenen vier Wänden Konzert­at­mo­sphäre zu schaffen. Ein Kopfhörer verbessert deutlich die Klang­qua­lität und die Konzen­tration, gedämpftes Licht trägt zur Entspannung bei und das Lieblings­ge­tränk, vielleicht ein kleiner Imbiss werden das Vergnügen vermutlich auch nicht schmälern. Dann kann es auch schon losgehen.

Ein erster Blick auf die Seite des Konzert­players ist eher enttäu­schend. Als Überschrift ist dort zu lesen Amy Beach and friends Programm. Wenn’s denn schon ameri­ka­nisch sein soll, kann man auch die richtige Schreib­weise von Überschriften verwenden. Was das deutsche „Programm“ da soll, erschließt sich überhaupt nicht. Schon gar nicht bei der weiteren Durch­sicht. Eigentlich sollte der zuständige Redakteur, Richard Lorber, wissen, wie man ein Programm schreibt. Hier werden nach einem kurzen Einfüh­rungstext lediglich in belie­biger Reihen­folge – die mit der tatsäch­lichen Abfolge nichts zu tun hat – die Titel der aufge­führten Werke genannt. Erläu­te­rungen sucht man vergebens. Der Name der Aufnah­me­leitung ist ebenso geheim wie die Programm­ver­ant­wort­lichen. Die Akteure des Abends vor dem Mikrofon werden genannt, weiter­füh­rende Links gibt es nicht. Das zeugt nicht vom rechten Verständnis des weltweiten Netzes, obwohl das zum Auftrag des öffentlich-recht­lichen Rundfunks gehört. Aber damit nimmt der es ja ohnehin nicht allzu genau.

Johannes Zink ist der Moderator des Konzerts. „Heute würde jemand wie Amy Beach eine raketen­hafte Karriere machen, aber im Amerika des ausge­henden 19. Jahrhun­derts, da gehörten nach damaligem Verständnis Frauen an den Herd und nicht an den Kompo­nier­tisch“, plappert der Mann klischee­freudig und wirklich­keits­fremd vor sich hin. Ob Menschen mit solch undif­fe­ren­zierten Weltbildern vor den Mikro­fonen öffentlich-recht­licher Sende­an­stalten gut aufge­hoben sind, darf man in Frage stellen.

1920 bekam die Groupe des Six, ein Zusam­men­schluss von fünf Kompo­nisten und einer Kompo­nistin in Paris ihren Namen, unter dem sie in die Geschichte einging. Der Name nahm Bezug auf die Gruppe der Fünf, die auch Das mächtige Häuflein genannt wurde und 1862 in St. Petersburg gegründet wurde. Unabhängig davon gründeten sich am Ende des 19. Jahrhun­derts die Boston Six, ebenfalls eine Gruppe aus fünf Tonsetzern und der Frau, die die erste ameri­ka­nische Symphonie verfasste – Amy Beach. Werke aller sechs Kompo­nisten sollen in den folgenden anderthalb Stunden erklingen.

Den Beginn übernimmt Horatio Parker mit den 4 Songs aus dem Jahr 1903: Songs, Serenade, The Blackbird und Good-bye werden von Anna Herbst wie gewohnt meisterlich inter­pre­tiert. Besucher des diesjäh­rigen Zonser Kompo­nis­tinnen-Festivals kennen sie bereits vom zweiten Konzert­abend, als sie Mirage und Stella viatoris von Beach sang. Auch ihre musika­lische Begleitung ist von daher bereits bekannt. Geigerin Elisabeth Moog und Cellistin Cosima Streich waren ebenfalls in Zons dabei, letztere auch als künst­le­rische Leiterin des Festivals. Wurde Herbst Ende Oktober von Dorothy Gemmeke begleitet, sitzt im Großen Sendesaal nun Matthias Veit am Flügel. Mit den 3 Browning Songs kommt nun auch Amy Beach zu Wort. 1900 veröf­fent­lichte sie The Year’s at the Spring, Ah, Love But a Day und Send My Heart Up to Thee, die Vertonung der Gedichte von Robert Browning, der im Jahr vor der Veröf­fent­li­chung starb. Mit der Romance for Violin and Piano schließt der erste Block.

Matthias Veith, Elisabeth Moog, Anna Herbst und Cosima Streich – Foto © Sebastian Herzog-Geddes

In der Zwischen­mo­de­ration erzählt Herbst, dass sie vor drei Jahren erstmalig nach Zons einge­laden wurde und so die Arbeiten von Amy Beach kennen­lernte. Im heutigen Programm wolle man nun Beispiele im histo­ri­schen Kontext ihrer Kollegen vorstellen. Und so erklingen im nächsten Block erst mal Werke von Arthur Foote und John Knowles Paine. Mit Shadows von Foote macht Herbst den Anfang, um mit A Bird Upon A Rosy Bough und I Wore Your Roses Yesterday von Paine fortzu­fahren. Nach The Night­ingale von Foote erklingt ebenfalls von ihm eine Romanza für Cello und Klavier.

Auch im nächsten Block stehen die Lieder im Vorder­grund, diesmal von Edward Mac Dowell The Yellow Daisy, The Blue Bell und The Migno­nette aus dem Zyklus From an Old Garden und Water Lily sowie The Cardinal Flower aus dem Blumen­zyklus von George Chadwick. Ja, im Liedgut ist viel von Blumen die Rede – eine Modeer­scheinung der Zeit, ist in der nächsten Zwischen­mo­de­ration zu erfahren.

Der letzte Block ist Beach vorbe­halten. Mit After, Stella viatoris und A Mirage kommen noch einmal Lieder zu Gehör. Wie schon in Zons wird auch hier das Klaviertrio opus 150 als Beachs letztes kammer­mu­si­ka­li­sches Werk erst am Schluss gespielt. Das kann man sicher disku­tieren. Nach der Zugabe ist dann das Ende des Konzerts erreicht. Und trotz aller berech­tigten Kritik am äußeren Rahmen kann das auch in der Aufnahme die musika­lische Leistung nicht trüben. Prinzi­piell wäre auch außer­or­dentlich lobenswert, die Boston Six näher vorzu­stellen – was dann redak­tionell unter­bleibt. Eine verschenkte Gelegenheit.

Ärgerlich ist die Einfachheit der Abspiel­software. Da darf doch einer Anstalt, die sich tagaus, tagein mit Sende­technik beschäftigt, etwas mehr Profes­sio­na­lität zugetraut werden. Ein Blick beispiels­weise hinüber zu den großen Video­platt­formen zeigt, dass es kein Problem ist, beschriftete Kapitel einzu­fügen. Da könnte man dann leich­ter­dings noch einmal das eine oder andere Stück anklicken, um es sich ein zweites Mal anzuhören. Ist hier nicht möglich.

Aber halt! Noch nicht abschalten. Angepfropft an das Konzert, der Übergang ist hörbar, kann man völlig überra­schend dann noch mehr Musik von Amy Beach hören. Es gibt noch eine Aufnahme des ersten Satzes aus ihrem Klavier­konzert opus 45 und einen Ausschnitt aus der Symphonie in e‑Moll, genannt die Gaelic Symphony. Einen Hinweis darauf findet man auf der Seite nicht. Aber schön, dass man so unver­hofft noch einen Blick über den Tellerrand der Kammer­musik hinaus serviert bekommt.

Michael S. Zerban

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