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Das deutsch-holländische Festival Literarischer Sommer findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. In Neuss hat die frischgebackene Intendantin des Rheinischen Landestheaters Neuss, Caroline Stolz, ihr Büro als Veranstaltungsort zur Verfügung gestellt. Dort konnte man auch gleich eine liebgewonnene Tradition des Festivals kennenlernen.

Johannes Jacobus Voskuil machte es sich einfach, aber er war sehr fleißig. Er verarbeitete literarisch, was ihm in seiner dreißigjährigen Berufstätigkeit am Meertens-Institut, einem Institut für „Volkskultur“ an der Königlich-Niederländischen Akademie der Wissenschaften, widerfuhr. Der Roman entstand in viereinhalb Jahren, umfasste 5.200 Seiten und wurde in sieben Bänden in der Zeit zwischen 1996 und 2000 herausgegeben. Het Bureau gehört bis heute in den Niederlanden zu den Kult-Romanen. Bei den Deutschen kam Das Büro nicht ganz so gut an, nachdem die Übersetzung von Gerd Busse erschienen war. Aber im Literarischen Sommer gehört es zur guten Sitte, Das Büro vorzutragen. Inzwischen sind die Hörer bei Band fünf mit dem etwas missglückten Untertitel Und auch Wehmütigkeit angelangt.
Seit 20 Jahren gibt es den Literarischen Sommer. Im Jahr 2000 initiierten die Städte Krefeld, Mönchengladbach und Neuss ein Sommerfestival, bei dem an zehn verschiedenen Veranstaltungsorten Literatur vorgestellt wurde. Vom ersten Tag an lag die deutsche Projektleitung in Neusser Händen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Laufe der Jahre hat sich das Festival zu einer deutsch-niederländischen Veranstaltung ausgeweitet. In Deutschland beteiligen sich Aachen, Bedburg-Hau, Düsseldorf, Korschenbroich, Krefeld, Mönchengladbach, Neuss und Rommerskirchen, in den Niederlanden sind es Amsterdam, Eijsden, Heerlen, Kerkrade, Vaals, Valkenburg und Venlo. Sonderformate wie die literarischen Spaziergänge in Amsterdam und Veranstaltungen für Kinder sind nach eigenen Angaben ebenfalls erfolgreich. Im Jubiläumsjahr finden satte 44 Vorträge statt. Der Fokus liegt auf der aktuellen deutschen und niederländischen Literaturszene – na ja, abgesehen von Das Büro. Das ist Tradition. Ein moderater Eintrittspreis sorgt dafür, dass das Festival heute über einen hohen Anteil an Stammpublikum verfügt. Auch wenn das nicht automatisch bedeutet, dass die Veranstaltungen immer ausgelastet sind.
So sind zur heutigen Veranstaltung auch gerade mal rund 20 von 40 möglichen Besuchern erschienen. Da hatten sich die Veranstalter vom ungewöhnlichen Ort wohl mehr versprochen. Eingeladen hatte der Literarische Sommer in das Büro der frischgebackenen Intendantin des Rheinischen Landestheaters Neuss. Eine gute Wahl insofern, als Intendantenbüros in der Regel über die nötige Größe verfügen, 40 enggestellten Stühlen vor einem weitausladenden Schreibtisch Platz zu bieten. Noch verrät der Raum nichts über die neue Intendantin. Frisch geweißt, sind die Wände bis auf eine Magnettafel leer. In der Schrankwand gegenüber dem Schreibtisch gibt es wenig Spannendes. Die schwarzledernen Sitzmöbel haben aus der Zeit von Bettina Jahnke überlebt. Das Schönste am Raum ist vielleicht der Ausblick. Das Romaneum gleich gegenüber, dahinter die Türme des Zeughauses und nach rechts der großzügige Blick auf das Hafenbecken. Trotzdem haben die Besucher keinen Blick dafür. Denn Intendantin Caroline Stolz und ihr Stellvertreter Alexander May lassen es sich nicht nehmen, die Gäste persönlich zu begrüßen und sich kurz vorzustellen. Eine schöne Geste, die viel für die kommenden fünf Spielzeiten verspricht.
Profanes aus dem Büro-Alltag

Claudia Büchel von der Stadtbibliothek Neuss übernimmt und führt zunächst ein Gespräch mit Gerd Busse, der eigens für diesen Abend aus Dortmund angereist ist. Er erzählt anekdotisch von den Zeiten, in denen die Bücher Voskuils erschienen. Der fünfte Band spielt in den Jahren 1979 bis 1982, als in den Niederlanden die große Arbeitslosigkeit vor allem unter den Akademikern begann. Die Regierung hinterfragte plötzlich die Notwendigkeit der Arbeitsstellen in den Instituten akademischer Bildung. Busse erzählt von der Rezeption der Bücher im eigenen Institut. Wie die Mitarbeiter am Tag nach der Buchveröffentlichung völlig übermüdet erschienen, um kurz zu berichten, dass sie in der Nacht das neue Buch gelesen haben, ehe sie sich in Zirkeln zurückzogen, um über die Neuerscheinung zu diskutieren. Das Interview ist kurzweilig und zeitlich angemessen. So kann Ronny Tomiska, Schauspieler im Ensemble des Theaters Krefeld Mönchengladbach, der kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen ist, alsbald mit seinem Vortrag beginnen. Die dargestellte Situation reicht von einem Besuch einer deutschen Studentengruppe bis zur Diskussion einer Evaluation seitens der Regierung im Kollegenkreis.
Literarisch ist hier kein Meisterwerk zu erleben. Im Vordergrund stehen die Befindlichkeiten von – wissenschaftlichen – Büroangestellten, durchwachsen von Szenen aus dem Privatleben des Protagonisten und seiner Frau. Abgesehen von den Szenenwechseln läuft die Erzählung geradlinig und bisweilen profan ab. Die eigentliche Würze verleiht Tomiska dem Text. Aber die Besucher fühlen sich offenbar nur allzu oft an eigene Büro-Erfahrungen erinnert. Die Lacher erzielt der Vorleser tatsächlich mehr mit der Assoziation an eigene Erinnerungen an den Berufsalltag. Allzu rasch ist eine Stunde vergangen, ehe Tomiska für seine sehr lebendige Darstellung den Applaus einheimsen darf. Kurz und anstandshalber wird noch das Buch hochgehalten, was eher für Gelächter sorgt, weil hier jeder der Anwesenden den Titel ohnehin zu kennen scheint.
Eines ist nach dieser Lesung gewiss: Im nächsten Jahr wird man die literarische Rundreise durch den Sommer absolvieren. Da gibt es wohl noch so einiges abseits der Tradition zu entdecken.
Michael S. Zerban