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Literarischer Sommer

Es muss ja nicht immer Theater sein. Manchmal kann es auch erbauen, sich einfach zurück­zu­lehnen und jemanden vorlesen zu lassen. Gute Gelegenheit dazu gibt es beim Litera­ri­schen Sommer, der in diesem Jahr zum 20. Mal statt­findet. Neben inter­es­santen Lesestoffen gibt es auch ungewöhn­liche Veran­stal­tungsorte. In Neuss war es jetzt das Inten­danzbüro des RLT. 

Ronny Tomiska und Claudia Büchel (v.l.n.r.) - Foto © O-Ton
Rheinisches Landestheater Neuss - Foto © O-Ton

Literarische Rundreise

Ronny Tomiska und Claudia Büchel (v.l.n.r.) - Foto © O-Ton
Rheinisches Landestheater Neuss - Foto © O-Ton

Das deutsch-hollän­dische Festival Litera­ri­scher Sommer findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. In Neuss hat die frisch­ge­ba­ckene Inten­dantin des Rheini­schen Landes­theaters Neuss, Caroline Stolz, ihr Büro als Veran­stal­tungsort zur Verfügung gestellt. Dort konnte man auch gleich eine liebge­wonnene Tradition des Festivals kennenlernen.

Caroline Stolz, Gerd Busse, Ronny Tomiska und Claudia Büchel (v.l.n.r.) – Foto © O‑Ton

Johannes Jacobus Voskuil machte es sich einfach, aber er war sehr fleißig. Er verar­beitete litera­risch, was ihm in seiner dreißig­jäh­rigen Berufs­tä­tigkeit am Meertens-Institut, einem Institut für „Volks­kultur“ an der Königlich-Nieder­län­di­schen Akademie der Wissen­schaften, widerfuhr. Der Roman entstand in viereinhalb Jahren, umfasste 5.200 Seiten und wurde in sieben Bänden in der Zeit zwischen 1996 und 2000 heraus­ge­geben. Het Bureau gehört bis heute in den Nieder­landen zu den Kult-Romanen. Bei den Deutschen kam Das Büro nicht ganz so gut an, nachdem die Übersetzung von Gerd Busse erschienen war. Aber im Litera­ri­schen Sommer gehört es zur guten Sitte, Das Büro vorzu­tragen. Inzwi­schen sind die Hörer bei Band fünf mit dem etwas missglückten Unter­titel Und auch Wehmü­tigkeit angelangt.

Seit 20 Jahren gibt es den Litera­ri­schen Sommer. Im Jahr 2000 initi­ierten die Städte Krefeld, Mönchen­gladbach und Neuss ein Sommer­fes­tival, bei dem an zehn verschie­denen Veran­stal­tungs­orten Literatur vorge­stellt wurde. Vom ersten Tag an lag die deutsche Projekt­leitung in Neusser Händen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Laufe der Jahre hat sich das Festival zu einer deutsch-nieder­län­di­schen Veran­staltung ausge­weitet. In Deutschland betei­ligen sich Aachen, Bedburg-Hau, Düsseldorf, Korschen­broich, Krefeld, Mönchen­gladbach, Neuss und Rommers­kirchen, in den Nieder­landen sind es Amsterdam, Eijsden, Heerlen, Kerkrade, Vaals, Valkenburg und Venlo. Sonder­formate wie die litera­ri­schen Spazier­gänge in Amsterdam und Veran­stal­tungen für Kinder sind nach eigenen Angaben ebenfalls erfolg­reich. Im Jubilä­umsjahr finden satte 44 Vorträge statt. Der Fokus liegt auf der aktuellen deutschen und nieder­län­di­schen Litera­tur­szene – na ja, abgesehen von Das Büro. Das ist Tradition. Ein moderater Eintritts­preis sorgt dafür, dass das Festival heute über einen hohen Anteil an Stamm­pu­blikum verfügt. Auch wenn das nicht automa­tisch bedeutet, dass die Veran­stal­tungen immer ausge­lastet sind.

So sind zur heutigen Veran­staltung auch gerade mal rund 20 von 40 möglichen Besuchern erschienen. Da hatten sich die Veran­stalter vom ungewöhn­lichen Ort wohl mehr versprochen. Einge­laden hatte der Litera­rische Sommer in das Büro der frisch­ge­ba­ckenen Inten­dantin des Rheini­schen Landes­theaters Neuss. Eine gute Wahl insofern, als Inten­dan­ten­büros in der Regel über die nötige Größe verfügen, 40 engge­stellten Stühlen vor einem weitaus­la­denden Schreib­tisch Platz zu bieten. Noch verrät der Raum nichts über die neue Inten­dantin. Frisch geweißt, sind die Wände bis auf eine Magnet­tafel leer. In der Schrankwand gegenüber dem Schreib­tisch gibt es wenig Spannendes. Die schwarz­le­dernen Sitzmöbel haben aus der Zeit von Bettina Jahnke überlebt. Das Schönste am Raum ist vielleicht der Ausblick. Das Romaneum gleich gegenüber, dahinter die Türme des Zeughauses und nach rechts der großzügige Blick auf das Hafen­becken. Trotzdem haben die Besucher keinen Blick dafür. Denn Inten­dantin Caroline Stolz und ihr Stell­ver­treter Alexander May lassen es sich nicht nehmen, die Gäste persönlich zu begrüßen und sich kurz vorzu­stellen. Eine schöne Geste, die viel für die kommenden fünf Spiel­zeiten verspricht.

Profanes aus dem Büro-Alltag

Ronny Tomiska – Foto © O‑Ton

Claudia Büchel von der Stadt­bi­bliothek Neuss übernimmt und führt zunächst ein Gespräch mit Gerd Busse, der eigens für diesen Abend aus Dortmund angereist ist. Er erzählt anekdo­tisch von den Zeiten, in denen die Bücher Voskuils erschienen. Der fünfte Band spielt in den Jahren 1979 bis 1982, als in den Nieder­landen die große Arbeits­lo­sigkeit vor allem unter den Akade­mikern begann. Die Regierung hinter­fragte plötzlich die Notwen­digkeit der Arbeits­stellen in den Insti­tuten akade­mi­scher Bildung. Busse erzählt von der Rezeption der Bücher im eigenen Institut. Wie die Mitar­beiter am Tag nach der Buchver­öf­fent­li­chung völlig übermüdet erschienen, um kurz zu berichten, dass sie in der Nacht das neue Buch gelesen haben, ehe sie sich in Zirkeln zurück­zogen, um über die Neuerscheinung zu disku­tieren. Das Interview ist kurzweilig und zeitlich angemessen. So kann Ronny Tomiska, Schau­spieler im Ensemble des Theaters Krefeld Mönchen­gladbach, der kurzfristig für einen Kollegen einge­sprungen ist, alsbald mit seinem Vortrag beginnen. Die darge­stellte Situation reicht von einem Besuch einer deutschen Studen­ten­gruppe bis zur Diskussion einer Evaluation seitens der Regierung im Kollegenkreis.

Litera­risch ist hier kein Meisterwerk zu erleben. Im Vorder­grund stehen die Befind­lich­keiten von – wissen­schaft­lichen – Büroan­ge­stellten, durch­wachsen von Szenen aus dem Privat­leben des Protago­nisten und seiner Frau. Abgesehen von den Szenen­wechseln läuft die Erzählung gerad­linig und bisweilen profan ab. Die eigent­liche Würze verleiht Tomiska dem Text. Aber die Besucher fühlen sich offenbar nur allzu oft an eigene Büro-Erfah­rungen erinnert. Die Lacher erzielt der Vorleser tatsächlich mehr mit der Assoziation an eigene Erinne­rungen an den Berufs­alltag. Allzu rasch ist eine Stunde vergangen, ehe Tomiska für seine sehr lebendige Darstellung den Applaus einheimsen darf. Kurz und anstands­halber wird noch das Buch hochge­halten, was eher für Gelächter sorgt, weil hier jeder der Anwesenden den Titel ohnehin zu kennen scheint.

Eines ist nach dieser Lesung gewiss: Im nächsten Jahr wird man die litera­rische Rundreise durch den Sommer absol­vieren. Da gibt es wohl noch so einiges abseits der Tradition zu entdecken.

Michael S. Zerban

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