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Lustopia

Am 26. Oktober dieses Jahres feierte die „inter­ge­ne­ra­tio­nelle Tanzper­for­mance“ Lustopia von Silke Z. in Koope­ration mit dem Low Air Vilnius City Dance Theatre in Köln Urauf­führung. Entstanden ist daraus ein Film, der als Video on Demand kostenfrei abgerufen werden kann. Sehr sehens­werter Film. 

Foto © Sophia Ebner

Lustvolles Spiel

Foto © Sophia Ebner
Foto © Sophia Ebner

Mittler­weile, und die Geschichte lehrt uns das, erfüllt einen die Ankün­digung von Medien und Politikern, es brächen „neue Zeiten“ an, mit größtem Misstrauen, wenn nicht gleich mit noch größerem Unbehagen. Reflek­tiert man die letzten 50 Jahre, in denen wir keine „Zeiten­wende“ brauchten, darf man von Glück sprechen. Nein, es war nicht alles Gold. Aber die Dinge entwi­ckelten sich langsam zum Besseren. Peu à peu, Schritt für Schritt. Wir verlernten, was Krieg bedeutet, wir lernten, Toleranz zu üben gegenüber Anders­den­kenden, Anders­füh­lenden, Anders­gläu­bigen. Wir hörten nach und nach auf, Menschen auszu­grenzen, die „anders“ waren als wir. Ach ja, und die Sache mit der Gleich­be­rech­tigung von Mann und Frau. Haben wir je größere Fortschritte gemacht als im vergan­genen Jahrhundert? Nein, es war und ist nicht alles Gold. Aber so ist das, wenn sich eine Gesell­schaft gesund entwi­ckelt. Es braucht Zeit.

Wie heißt es so schön? Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis. Nur sind es in Deutschland keine Tiere, die sich die Hufe auf einer gesund gewach­senen Eisschicht brechen, sondern neuer­dings ziehen Minder­hei­ten­gruppen mit Spitz­hacken los, um den festen Zusam­menhalt der Gesell­schaft in Stücke zu hauen. Und sie haben scheinbar Erfolg. Sie nennen sich aufge­wacht, unter­wandern den gesell­schaft­lichen Konsens, klittern die Geschichte und versuchen, die Sprache zu ändern. Angeblich, um irgend­etwas zu verbessern. Dabei reißen sie zugeschüttet geglaubte Gräben auf, um Konflikte neu zu schüren, die längst beigelegt waren. Die Bilanzen der ach so Aufge­wachten sind bislang erschüt­ternd. Statt partner­schaft­licher Gleich­be­rech­tigung sehen Frauen und Männer sich zunehmend als Feind­bilder, die Homophobie steigt rasant an und selbst­er­nannte Eliten sorgen für heftigen Wider­stand selbst der Stamm­tische gegen ihre Kunst­sprache, die nicht einmal in der Lage ist, zu einer Konsistenz zu finden.

Plötzlich leben wir in einer Zeit, in der die Ideologie den Diskurs unter­drückt. Auf ihren Fahnen steht „Zeiten­wende“, die sie mit scheinbar hehren Zielen ausschmückt und – wie es sich gehört – radikal verfolgt. Ihre größte Angst ist die vor dem Vergleich mit den Zeiten von 1929 bis 1933, da werden sie bissig, die Aufge­wachten. Sie sehen sich ja nicht als die geistigen Brand­stifter, die immer mehr Menschen einer rechts­extre­mis­ti­schen Gesinnung zutreiben, sondern „kämpfen“ für eine „bessere Welt“. Eben.

Foto © Sophia Ebner

Was in diesen Zeiten untergeht, ist die Lust. Die Lust am Leben, die Lust am anderen Menschen, egal, wer er ist. Der Blitz­strahl, der in die Seele fährt, wenn man einem anderen Menschen in die Augen blickt, das unver­hohlene Verlangen nach dem, der in einem mehr auslöst als das bloße, ohnehin beglü­ckende Gefühl der Seelen­ver­wandt­schaft. Choreo­grafin Silke Z. geht sogar so weit, nach der Lust als Utopie zu fragen, also nach etwas, was nicht existiert, was erst in der Zukunft liegt, womöglich unein­lösbar ist. Gemeinsam mit dem litaui­schen Low Air Vilnius City Dance Theatre hat ihre Kompagnie Resist­dance das einstündige Stück Lustopia entwi­ckelt, das am 23. Oktober dieses Jahres in den Kölner Ehren­feld­studios zur Urauf­führung kam. Silke Z. zur Seite standen die Choreo­grafen Laurynas Žakevičius und Airida Gudaitė. Gemeinsam erwei­terten sie das eigent­liche Arbeitsfeld Z.‘s, das sich mit dem Tanz verschie­dener Genera­tionen befasst, um gesell­schaft­liche Positionen, wenn man es so nennen will. Unter den sechs Tänzern – Caroline Simon, Hanna Held, David Winking, Grėtė Vosyliūtė, Dmitrijus Andrušanecas und Darius Stanke­vičius – findet sich die wohlaus­ge­bildete Tänzerin und Tanzpäd­agogin in jungen Jahren wie die Tänzerin in der Mitte des Lebens, der ältere Herr wie der Kraft­protz oder der Mann mit Down-Syndrom.

Zu beant­worten galt es, ob Lust „an bestimmte Merkmale wie Alter, Geschlecht, Körper oder Behin­derung gebunden“ sei. Ja, ob „Scham und Unsicher­heiten, die durch Geschlechts­zu­schreibung, Alter oder Behin­derung entstehen“, einer Lust-Utopie im Wege stünden. Um es vorweg­zu­nehmen: Das Publikum inter­es­siert sich für diese Fragen offen­kundig wenig. Weder ergötzt es sich überbordend am jugendlich trainierten weiblichen Körper, noch geht ein Raunen angesichts eines ungewöhn­lichen körper­lichen Aussehens durch die Menge, wie man es von früheren Jahrmarkt­at­trak­tionen kennt, wenn der „Elefan­ten­mensch“ gezeigt wurde. Die Lust trifft jeden und überall – eine Erkenntnis, die sich in der Gesell­schaft längst durch­ge­setzt und damit alles Ungewohnte verloren hat.

Z. hat die Video­auf­nahmen der Aufführung nicht, wie sonst offenbar üblich, in den Giftschrank geschlossen oder allen­falls einen Trailer daraus produ­ziert, sondern zu einem wunder­baren Film geschnitten, der seit Anfang Dezember kostenfrei im Internet zur Verfügung steht. Eine kluge Entscheidung, die eine größere Reich­weite und Aufmerk­samkeit verspricht, als es bei einem Besuch der Ehren­feld­studios möglich wäre.

Es lohnt sich, das Video am heimi­schen Monitor anzuschauen. Es ist eine der besten Auffüh­rungen, die in der letzten Zeit im zeitge­nös­si­schen Tanz zu sehen waren. So viele sind es ja nicht mehr. Neben einer ausge­klü­gelten Choreo­grafie, in der sich Lust metaphernhaft in jeder Facette entfalten darf, steht die ungewöhn­liche Bühne von Garlef Kessler, die er in ein gerade noch erträg­liches Halbdunkel taucht. Liam Giles kleidet den Abend in ein unauf­dring­liches musika­li­sches Gewand, das nur durch die fanta­sie­vollen Kostüme von Melina Jusczyk übertroffen wird. Der Film ist sorgsam geschnitten, es handelt sich also nicht um die einper­spek­ti­vische Aufnahme einer Bühnen­auf­führung. Und so gelingt es, die Atmosphäre wie die Intention der Choreo­grafen wieder­zu­geben. Wie heißt es so schön? Wer den zeitge­nös­si­schen Tanz mag, wird diesen Film lieben.

Michael S. Zerban

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